Bretter, die die Welt bedeuteten

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Bretter, die die Welt bedeuteten

Es wird nie mehr so wie früher…..oder etwa doch? Snowboarden war in meiner Jugend mein Ein und Alles. Was ist von dieser großen Liebe übrig geblieben? Ich war schon ziemlich skeptisch. Ob es wirklich eine gute Idee war, dieser Einladung zu folgen? ‚Back to the roots‘ – zurück zu den Wurzeln sollte es gehen. Das jedenfalls versprach die Nachricht auf Whatts-App, mit der mich ein alter Freund zum gemeinsamen Snowboard-Tag eingeladen hatte. Ich war früher mal ein Snowboarder mit Leib und Seele gewesen. Doch das ist lange her.

 

Genau gesagt sind 15 Jahre vergangen, seit ich mir zum letzten Mal ein Snowboard angeschnallt hatte. Nun, mit 38 Jahren, wusste ich also nicht recht, ob es meine Knie, mein Rücken und ja, auch meine Leber, noch einmal aushalten würden, die guten alten Zeiten aufleben zu lassen. Ehrlich gesagt: Ich fühlte mich doch irgendwie zu alt für dieses Revival. Aber andererseits: Man sollte sich nicht älter machen, als man eigentlich ist, oder? 40 ist ja bekanntermaßen das neue 30 und so gesehen bin ich ja doch irgendwie ‚too young to old‘, also noch zu jung um schon alt zu sein. Ich gab mir also einen Ruck. Ich mein, was sollte schon schief gehen? Der Schnee, das Brett, die Kollegen, der Spaß: alles würde noch einmal so sein wie früher.

 

Rock ’n Roll
Mit diesem Gedanken war ich nicht allein. An die 30, 40 Leute waren da, als wir uns unlängst an einem Samstag bei herrlichem Winterwetter am vereinbarten Treffpunkt, am Fuß des ‚Funparks‘ im Skigebiet Klausberg, trafen. Lauter alt bekannte Gesichter waren zu sehen, aus dem Ahrntal, aus Taufers, aus der Brunecker Gegend und sogar aus Bozen und Meran. Eine stattliche Truppe war das, die sich zu diesem fidelen Altherrentreffen eingefunden hatte, die meisten davon mehr oder weniger so alt wie ich.  Wobei – unser Alter sah man uns auf den ersten Blick wahrscheinlich gar nicht an. Die Gruppe bestach (mal abgesehen von meinem schäbigen Äußeren) durch modernste Ausrüstung und Bekleidung. Wir tranken zur Einstimmung Bier aus Halbliter-Dosen und aus den Musikboxen bei der kleinen Holzhütte hämmerte schneller California-Punk über den zuckerweißen Schnee. Ich fühlte mich geschmeidig, frisch und jung. Ein Hauch von früher lag in der Luft.
Etwas abseits stehen, laute Musik hören, Bier trinken. Kurzum: der Welt, den Erwachsenen und nicht zuletzt diesen verdammten, biederen Skifahren mit allen erdenklichen Mitteln den Mittelfinger zeigen. Das war der Kern des Snowboardens für uns Jungs gewesen, damals Mitte der 1990er Jahre. Snowboarden war zu der Zeit nicht bloß ein Sport. Es war ein Statement, ein exotischer, anrüchiger ‚way of life‘. Es war genau das, wonach ein stark pubertierender Bursche wie ich damals suchte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich immer bereits Mitte Oktober ganz nervös wurde, den ersten Schnee herbei sehnte und mir pausenlos Snowboard-Filme auf Videokassette ansah. Meine Haare waren damals noch lang (bzw. überhaupt vorhanden), die Brüste der Blondine, die mein Snowboard zierte, waren riesengroß und der Winter konnte gar nicht lange genug dauern. Genau wie meine Helden namens Peter Line, Michi Albin oder Ingemar Backman wollte ich über den Schnee rocken. So wie sie wollte ich viel zu weite Hosen tragen, viel zu laute Musik hören und viel zu viel Bier trinken.  Snowboarden – das war gelebter Punk-Rock. Das war so brachial wie die Gitarren-Riffs der ‚Dead Kennedys‘. Wir Snowboarder rockten, die anderen fuhren bloß Ski.

Love hurts
Ich machte halt am Pistenrand. Völlig fertig beugte ich mich vorn über und musste dabei tief durch atmen. Die erste Fahrt auf dem Snowboard nach 15 Jahren Pause. Wie ich das früher bloß ausgehalten habe, fragte ich mich. Meine Knie machten kalkige Geräusche. Und mein Rücken knarzte, als wollte er sich beschweren. Ich fuhr wie ein verdammter Anfänger. Mit ungelenken Bewegungen manövrierte ich mein Brett über die Piste. Die Ästhetik von damals, die Lust aufs Risiko, die bedingungslose Fahrweise – nichts war davon übrig geblieben. Es war ein Gemurkse. Ganz mitgenommen setzte ich mich in den Schnee und beobachtete eine Gruppe von Skifahrern. Beneidenswert schwungvoll carvten sie an mir vorbei, ästhetisch und athletisch, so anmutig und rasant wie Mark Knopflers Gitarren-Solo in ‚Speedway at Nazareth‘. Ich starrte auf meine Füße, die am Snowboard klemmten und sehnte mich nach meinen Skiern.
Da ertönte ein schroffes Kommando und störte mein Selbstmitleid. „Na los, auf geht’s, weiter!“ schrie mir einer aus unserer Revival-Gruppe zu. Er hatte ja Recht. Es war sinnlos, sich über die Qualen dieses Sports zu beschweren. Snowboarden war immer schon ein Knochenjob gewesen. Im wörtlichen Sinn. Ein Winter ohne Verletzung. das war schon damals quasi wie ein Rausch ohne Kater. Saftige Schleudertraumata am Nacken, gebrochene Nasen, geprellte Rippen – die Winter auf dem Snowboard waren nichts für Zuckerpüppchen. Und ganz sicher war es kein Schaulaufen gewesen, bei dem es um Ästhetik oder anderen Biedermeier ging. Snowboarden war ein Statement. Eine Demonstration, eine Angelegenheit für werdende und gemachte Männer.
Daran hatte sich nichts geändert und genau deswegen raffte ich mich wieder auf. Mir doch egal, was die Knie, die Knochen und das Kreuz zu jammern hatten. Ich würde ihnen schon noch zeigen, wo der Hammer hängt. Das galt auch für das störrische Brett an meinen Füßen.  Und was die Skifahrer betraf, die mich bloß neidisch machen wollten: Ihnen würde schon noch das Lachen vergehen, später, beim Einkehrschwung. Genau so wie früher würden sich Glanz und Gloria des Snowboardens sowieso erst am Ende des Tages offenbaren: im Gasthaus, an der Theke.

Zum Wohl! Leb‘ wohl!
Aus den Boxen dröhnte Dr. Alban. ‚It’s my life‘, ein Klassiker der 90er Jahre, ein Lied so grausam gut wie ein ‚Rischile, mit dem uns der DJ so richtig einheizte. Wir hatten den Tag auf den Snowboards unverletzt hinter uns gebracht. Die letzten paar Pisten waren sogar ziemlich gut gelaufen. Dennoch war ich froh, als wir die Bretter nun abschnallten und die Tür zum Gasthaus öffneten. Jetzt ging’s ans Eingemachte. Und nachher war eh nur mehr die Talabfahrt zu bewältigen. Die Stimmung in der urigen Skihütte war prickelnd. Alles war angerichtet. Ein Haufen Snowboarder, eine überaus attraktive Kellnerin und ein DJ, der nicht vorhatte, Gefangene zu machen. Auf Dr. Alban folgten ‚La Bouche‘ und an den Tischen folgten auf viel Bier jede Menge Schnäpse.  Ein Hauch, oder besser gesagt: ein Rauch von früher hing in der Luft. Wir qualmten wie die Schlote, machten zwischendurch ein paar deftige Herren-Witze und immer wenn eine neue Lokal-Runde Schnaps anstand, hoben wir alle fleißig die Gläschen und prosteten uns glückselig zu. Auf uns! Auf’s Snowboarden!
Es dämmerte bereits, als ich die Party hinter mir ließ. Ich hatte ziemliche Mühe die Bindung meines Snowboards zu schließen. Mein Kopf und alles drum herum drehte sich.  Es war kalt und ich saß alleine im Schnee. Hinter mir, in der Skihütte, feierte eine Meute zum Techno-Hit ‚Forever Young‘.  Eine innere Stimme hatte mich gewarnt: Hau bloß ab, bevor die Angelegenheit richtig heftig wird!  Also hatte ich mich verabschiedet und machte mich nun daran, die Talabfahrt ganz alleine hinter mich zubringen. Ich fuhr los. Der kalte Wind auf meinen Wangen war Balsam für den Kopf. Ich lauschte dem Geräusch der Stahlkanten, die sich im Rhythmus meiner Jugend in den Schnee krallten, und da war es endlich wieder: das Gefühl des Snowboardens. Es war wie eine Zeitreise, unterwegs mit dem Snowboard, zurück zu jenen Erinnerungen, als ich noch an große Rebellionen glaubte und an die große Liebe und daran, dass mir die Zeit nichts anhaben könnte. Die Abfahrt dauerte eine kleine, wunderbare Ewigkeit. Ich genoss jeden Schwung, jeden Augenblick. Erst als ich abschwang, unten an der Talstation, fuhr es mir durch Mark und Bein – ohne jedoch zu schmerzen. Ich öffnete die Schnallen der Bindung und wusste in dem Moment , dass ich nie wieder Snowboard fahren würde. Es war schön gewesen, noch einmal zurück zu kehren, in die Vergangenheit, in meine Jugend. Aber alles hat seine Zeit  und jetzt freute ich mich darauf, nach Hause zu kommen, um mit meinen zwei Kindern an der Zukunft zu basteln. Es war Zeit, das Brett an den Nagel zu hängen. (RAFE)