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Bis an die Spitze

Free solo – Klettern ohne Sicherungsseil – Wahnsinn oder doch großer Sport? Der Puschtra Simon Gietl ist Alpinist und Bergführer in Südtirol. Im Interview mit dem Puschtra erzählt er von seinen Erfahrungen als Kletterer und den Risiken aber auch Einzigartikeiten von free solo.

Puschtra: Du bist mittlerweile ein erfahrener und bekannter Kletterer. Wie bist du auf den Sport gekommen?
Simon Gietl: Ich habe eigentlich recht spät mit dem Klettern begonnen. Als ich 18 Jahre alt war, fuhr ich per Autostopp von Toblach bis nach Bruneck. Ein älterer Herr hat mich mitgenommen und mir auf der Fahrt von seiner Besteigung der großen Zinne erzählt. Seine Geschichte hat mich so fasziniert, dass ich es selbst ausprobieren wollte. Heute habe ich ungefähr jeden zweiten Tag einen Klettergurt um und könnte mir das Leben ohne gar nicht mehr vorstellen.

Die 18SL-Pausetour an der Cima Scotoni wurde von Lacedelli/Ghedina/Lorenzi 1952 erstbegangen. Letztes Jahr bist du eben diese Route in freier Kletterei ohne Seil (free solo) bestiegen. Wie kam es dazu?
Für mich gehört di Cima Scotoni zu den eindrucksvollsten Wänden der Dolomiten. Besonders die konstante Steilheit, die ständige Ausgesetztheit und die athletische Kletterei im griffigen Dolomit haben mir immer schon große Freude und Genugtuung bereitet. Ich bin in dieser Wand schon etliche Routen gesichert geklettert, darunter die „Krieger des Lichts“, die „Agoge“ und die „Can you hear me“. Die Lacedelli ist „die“ klassische Führe in der Wand. Für mich zählt sie sicherlich zu den schönsten klassischen Anstiegen der gesamten Dolomiten und war schon ganz früh auf meiner Alpin-to-do-Liste.
Vor drei Jahren führte ich als Bergführer einen Gast entlang der Route auf die Cima Scotoni. Während dieser Begehung kam mir der Gedanke, wie es wohl wäre, diese Route seilfrei zu klettern.

Wie war es für dich, diese Idee in die Tat umzusetzen?
Das hat ein Weilchen gedauert. Nach einer Pakistan Expedition kam mir eine hartnäckige Entzündung dazwischen. Eine Antibiotika Kur über beinahe zwei Wochen ließen die notwendige Kraft und Ausdauer, die für eine durchgehende freie Begehung des Projektes notwendig gewesen wären, sehr schnell schwinden. Ich war ziemlich unsicher, ob ich die Tour wirklich durchziehen sollte. Erst als ich dann mit einem Freund nochmal die Scontoni Wand bestieg, überkam mich die Gewissheit, dass ich diese free solo Besteigung angehen will und soll. Für ein solches Projekt muss eine 100prozentige Überzeugung und auch ein Vertrauen da sein. Als ich dieses Vertrauen gespürt habe, wusste ich, dass ich es durchziehen würde.

Die Lacadelli ist eine 585 Meter lange Route inmitten der eindrucksvollsten Wände der Dolomiten. Wie verlief die Tour für dich?
Nachdem ich mich beim Einstieg positiv und sicher gefühlt habe, verlief auch der Rest ziemlich gut. Um ehrlich zu sein, ging es sogar besser, als ich erwartet hatte. Es gab keinen einzigen Moment, wo ich mir unsicher war oder ins Grübeln kam. Am ersten Band habe ich eine kurze Pause eingelegt, sonst bin ich alles relativ zügig durchgestiegen. Ganz oben habe ich dann die Stille und besondere Atmosphäre genossen. Dass ich es wirklich geschafft hatte, habe ich aber erst am Morgen danach realisiert.

Es ist kein Geheimnis, dass free solo Klettern sehr gefährlich sein kann. Wie stehst du zu dem Risiko, das der Sport mit sich bringt?
Ja und das ist mir auch bewusst. Ich versuchte dieses gewisse Risiko so gering wie möglich zu halten und hab mich intensiv mit der Tour auseinander gesetzt. Besonders mit den Griffen, denen ich vertrauen musste. Für mich war eines klar: wenn ich am Einstieg stehe und nicht 100prozentig überzeugt bin, lass ich es sein. So wie ich es immer mache. (LMK)