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Der Wunsch-Doktor

Noch immer kommt es im Pustertal vor, dass nicht jeder seinen Wunsch-Hausarzt wählen kann. Im Gesundheitsbezirk Bruneck arbeiten derzeit 43 Hausärzte. 2021 gehen zwei in Pension und ein neuer Arzt nimmt in einigen Wochen seinen Dienst auf. Das Gespräch mit den Hausärzten zeigt die Hintergründe für die aktuelle Situation auf. Dazu schildert eine Betroffene ihre Erlebnisse bei der Wahl ihres Vertrauensarztes.

Wie es sich anfühlt, ohne Hausarzt da zu stehen, erzählte der Redaktion A.R. aus dem Pustertal (Vollständiger Name der Redaktion bekannt). Die Vorgeschichte: Der Hausarzt von A.R. habe im Sommer seinen Dienst beendet und weil es sich um den Arzt des Vertrauens für die Frau handelte, wollte sie vor seinem Ausscheiden „keinen, der bis dahin noch vier auszuwählenden Ärzte, wählen“, sagte A.R.. Nach Dienstende ihres Hausarztes habe die Frau einen Antrag bei einer Hausärztin ihres Wunsches gestellt, die noch einige Plätze für Familienzusammenlegung frei hatte. Bevor A.R. diesbezüglich eine Antwort bekam, wurde sie aber krank. In der Ersten Hilfe habe sie keine Krankschreibung erhalten, auch ein privater Arzt habe sie nicht krankgeschrieben, erzählte die Frau. „Da die Antwort immer noch ausstand, blieb mir nur noch übrig, den Arzt zu wählen, der noch freie Plätze gehabt hat. Es gab nur noch diesen, den ich wählen konnte. Zu diesem Arzt habe ich aber wenig Vertrauen. Erst später habe ich dann erfahren, dass mein Antrag abgelehnt wurde“, berichtete die Pustererin. A.R. habe auch die Auskunft erhalten, dass in Kürze ein neuer Arzt seinen Dienst aufnehme, aber niemand wusste sie darüber zu informieren, wie und wann dieser Arzt wählbar sei. Was die Frau vor allem als entwürdigend findet ist, „dass ein Vertrauensarzt auch ein Vertrauensarzt sein soll. Wenn nur noch ein Arzt übrig ist, ist das für mich keine Wahl! Wenn Plätze frei gehalten werden, ich diese aber nicht erhalten kann, ist das keine Wahl!“, hält A.R. fest. Vor allem für ältere Personen sei es unzumutbar einen Arzt zu wählen, der kilometerweit entfernt ist, meinte die Frau. Die Politik sei gefragt, grundsätzlich Dinge neu zu überdenken, um Lösungen für diese Probleme zu finden, gab die Frau zu bedenken.

Zu wenig Hausärzte
Laut den Informationen des Gesundheitsbezirkes Bruneck arbeiten derzeit 21 Hausärzte im Sprengel Bruneck-Umgebung, sieben im Sprengel Tauferer-Ahrntal, acht im Sprengel Hochpustertal und weitere sieben im Sprengel Gadertal. Die nächsten Pensionierungen auf Grund des Erreichens der Altersgrenze stehen im Jahr 2021 an: Ein Hausarzt wird im Sprengel Bruneck-Umgebung und ein weiterer Hausarzt im Sprengel-Tauferer-Ahrntal in Pension gehen.

Dr. Berta Marcher.

Weitere Pensionierungen folgen im Jahr 2023. „Auf Grund des Ärztemangels kann es derzeit durchaus vorkommen, dass die Patienten nicht denjenigen Arzt wählen können, welchen sie sich wünschen. Trotzdem ist es für alle Patienten immer möglich sich bei einem Hausarzt eintragen zu lassen, auch wenn es nicht der gewünschte Arzt ist“, so heißt es aus der Direktion des Gesundheitsbezirkes Bruneck, die weiter informiert: „Im Sprengel Bruneck-Umgebung wird in den nächsten Wochen ein neuer Hausarzt mit definitivem Auftrag sein Ambulatorium eröffnen.“ Die Patienten könnten sich mit Fragen diesbezüglich jederzeit an den Gesundheitsbezirk Bruneck wenden, hieß es auf Nachfrage des Puschtra , wie dieser Arzt nun wählbar sei?
Die Hausärzte hätten keinen direkten Einblick oder Einfluss auf die Hauarztwahl der eigenen Patienten. „Die Wahl erfolgt ausschließlich im Sprengel oder wird bei eigenen Anträgen vom Sprengelbeirat bearbeitet“, sagte der Hausarzt Alex Mitterhofer, der seit drei Jahren in Ehrenburg Hausarzt ist und auch ein Ambulatorium in Bruneck hat. Für eine Wahl mit mehr Möglichkeiten könnte laut Mitterhofer eventuell eine Warteliste für Patienten eine mögliche Lösung sein. Hausärztin Berta Marcher hat vor knapp über einem Jahr ihre Praxis in Bruneck eröffnet. Für Marcher sei die Situation jetzt einen Hausarzt zu wählen „ein Problem, weil einfach zu wenig Hausärzte da sind“, sagte Marcher. Dass Menschen bereits nachts anstehen, um den Hausarzt zu wählen, darf laut der Hausärztin nicht passieren.

Mehr Wahlmöglichkeit durch höhere Patientenzahl
Damit es in Zukunft mehr Wahlmöglichkeit bei den Hausärzten gibt, wurde vor kurzem die Vereinbarung zwischen dem Land und den Hausärzten geändert. Der dazu von Gesundheitslandesrat Thomas Widmann eingebrachte Beschlussvorschlag wurde von der Landesregierung genehmigt. Die aktuelle Vereinbarung sieht nun vor, dass die Selbstbeschränkung von 1.000 Patienten auf 1.300 angehoben wurde.

Dr. Josef Mahlknecht

„Wer von uns Hausärzten bis jetzt 1.000 Patienten hatte, hat jetzt ein Drittel mehr zu tun als vorher“, hält Berta Marcher fest. Die Hausärztin hatte zum Zeitpunkt der Erhöhung bereits 1.200 Patienten. „Für mich ist die Erhöhung von 100 Patienten noch zu schaffen, aber für Kolleginnen mit Familie ist diese zusätzliche Zeit einzuteilen sehr schwierig“, sagte Marcher, die befürchtet, dass diese Regelung für einige Hausärztinnen schon mal zu viel werden kann. Eine Kündigung bedeute, dass weitere 1.000 Patienten wieder keinen Hausarzt hätten. Deshalb bezweifelt die Hausärztin, dass die gesamte Anzahl an Patienten mit dieser Erhöhung gestemmt werden kann. Bei Erhöhungen der Patienten würden viele Faktoren eine Rolle spielen: wie der Hausarzt seine Arbeit organisiert, ob er alleine sei oder eine Sekretärin habe, ob er viele junge, viele ältere oder schwerkranke Patienten zu betreuen habe, meinte Marcher. Diese Faktoren, die sich wesentlich auf die Arbeit der Hausärzte auswirken würden, sollten Berücksichtigung finden. Für die Patienten sei eine Erhöhung ein „klarer Vorteil“, ist der Hausarzt Oswald Thalmann überzeugt, der meint, dass „für den Patienten keine Obergrenze sowieso das Beste wäre, weil zu einem guten Hausarzt auch über 2.000 Patienten gehen würden und zu einem weniger guten halt weniger.“ Doch das Problem läge hier auf der Seite der Hausärzte: „Einige Hausärzte, die auch andere Ausbildungen haben und diese im Rahmen einer freiberuflichen Tätigkeit auch anbieten, tun sich schwer mit einer Patientenanzahl von 1.300 diese noch auszuüben“, hält Oswald Thalmann fest. Diese Hausärzte würden eine wertvolle Möglichkeit verlieren, ihr Einkommen aufzubessern.

Vernetzte Gruppen Medizin
Die Vernetzte Gruppenmedizin (VGM) ist eine Gruppierung von Ärzten für Allgemeinmedizin, welche beauftragt ist, für den ganzen Tag und an allen Tagen der Woche, den Gesundheitsschutz der Bevölkerung im Einzugsgebiet zu sichern, und zwar für alle Eingeschriebenen jener Ärzte, die an der Vernetzten Gruppenmedizin teilnehmen. Dies geschieht entweder über die Ambulatoriumstätigkeit oder über die telefonische Verfügbarkeit, falls die Öffnungszeiten der Arztambulatorien nicht den gesamten Zeitraum von 8 bis 20 Uhr abdecken.

Dr. Oswald Thalmann.

Hausarzt Alex Mitterhofer ist mit fünf weiteren Ärzten seit ca. einem Jahr in der VGM Bruneck Umgebung 1 vernetzt. Laut Mitterhofer würden sich die Hausärzte untereinander die Stundenpläne abstimmen, sodass von 8 Uhr bis 20 Uhr die Patientenversorgung gewährleistet wird. Zudem sei eine Notversorgung ja auch immer gewährleistet, hielt der Hausarzt fest. Eine Schwierigkeit dieser Vernetzung in der Praxis sei, dass diese Ärzte untereinander keine geeignete Plattform hätten, wo auch Daten der Patienten der Kollegen ersichtlich sind, erklärte Mitterhofer. „Zumindest die anagrafischen Daten wären schon hilfreich, um einen guten Dienst am Patienten zu gewährleisten“, gab Mitterhofer zu bedenken. Zudem sei so eine Vernetzung dann viel erfolgreicher, wenn die dazugehörigen Ärzte am selben Standort zu finden sind.
Aufgrund der längeren Öffnungszeiten hätte der Patient in dringenden Fällen bei den VGM eine viel breitere Zeitspanne, in der er einen Arzt in akuten Fällen erreichen kann, was ein bedeutender Vorteil für ihn sei, erklärte Oswald Thalmann. „Trotzdem hat das alte Modell der vernetzten Praxen sehr gut funktioniert“, sagte der Hausarzt. Diese Vernetzung sei allerdings seit kurzem mittels Landesbeschluss nicht mehr existent. Dass die Hausärzte auch für die nicht dringlichen Fälle zuständig gewesen seien und die Vernetzung damit mehr abgedeckt hätte, nannte Thalmann als Vorteil diese vorherigen Modells. Zum Zweiten habe man einen direkten Ansprechpartner für die Urlaubsvertretung gehabt, weil es kleinere Einheiten waren – meistens zwei Nachbardörfer, erklärte der Hausarzt. Die Gemeinschaftspraxen, die es südtirolweit schon seit 20 Jahren gebe und die jetzt neu bestätigt wurden, seien für die Hausärzte und Patienten „sehr wertvolle Strukturen“. Im Pustertal seien als einzigem Sanitätsbezirk bisher noch keine gegründet worden, sagte Thalmann.
Josef Mahlknecht, der bald 40 Jahre als Hausarzt tätig ist, stellt den VGM ein schlechtes Zeugnis aus. Diese würden nur „auf dem Papier“ existieren. „ Die Voraussetzungen für die Vernetzte Gruppenmedizin wie elektronische Vernetzung, Einrichtung und Ausstattung der Strukturen müssten vom Betrieb erst geschaffen werden und dies ist der Betrieb bisher schuldig geblieben. Daher läuft die Vernetzte Gruppenmedizin bisher als Rufbereitschaft für akute Fälle, um die Erste Hilfe zu entlasten“, sagte Josef Mahlknecht. Anders sei es mit den Gemeinschaftspraxen, die Eigeninitiative hätten, weil sie davon leben würden, meinte Mahlknecht. Von denen es im Pustertal aber keine gebe. Dies finde Mahlknecht aber „sehr schade“, weil so eine Einrichtung „sehr nützlich wäre“. Der Hausarzt hält zudem fest: „Außerhalb von Ballungszentren, wo die Voraussetzungen für Gruppenmedizin geeignet sind, ist die telematische Vernetzung von Hausärzten die sog. medicina in rete derzeit schon eine gute Alternative dazu.

Wunschkonzert für die Zukunft

Dr. Alex Mitterhofer.


Die Attraktivität des Berufes Hausarzt lasse zunehmend nach, meinte Mitterhofer. Zum einen könne er sich mit seinem Gehalt keine Sekretärin leisten und sehe sich deshalb zunehmend in eine Rolle gedrängt, die vom Auftrag als Arzt weit entfernt sei und immer mehr in Richtung Verwaltungskraft geht. Zum anderen verstehe es der Patient nicht, wenn ärztliche Leistungen direkt beim Arzt bezahlt werden müssen, weil der Hausarzt die Leistungen dann als Privatarzt tätigen muss. Mitterhofer wünsche sich für die Zukunft ein leistungsorientiertes System, wo dem Hausarzt wieder seine Arbeit zugestanden wird und dem Beruf so wieder mehr Attraktivität verliehen wird. Momentan habe er vier Standbeine, was mitunter auch mühsam sei, „aber wir wissen nie wo die Reise hingeht“, betonte Mitterhofer.
Berta Marcher ist von ihrem Beruf begeistert: „Der direkte Umgang mit den Patienten gefällt mir sehr gut!“ Ein Vorteil seien auch die flexiblen Arbeitszeiten und die freie Einteilung der Arbeit. Für die Zukunft wünsche sich Berta Marcher aber, dass der Aufwand für die Bürokratie abgebaut wird. „Nach den normalen Öffnungszeiten benötigen wir nochmal so viel Zeit für Verwaltungsaufgaben, Hausbesuche usw.“ Für Kolleginnen, die Familie haben, würde es Marcher als sinnvoll ansehen sich ein eigenes Modell zu überlegen, da Familie und Beruf mit Bereitschaftsdienst rund um die Uhr nicht so gut zu vereinen sind. Zudem wünsche sich die Hausärztin besser informiert zu werden „oft sind die Patienten besser informiert als wir“, hielt die Hausärztin fest. Und zudem sei es nicht einfach bei Krankheit oder Schwangerschaft immer eine Vertretung zu organisieren.
Josef Mahlknecht wünsche sich, dass weniger in Projekte investiert werde, „sondern in mehr Regelleistungen, die Teil des hausärztlichen Leistungskatalogs sein sollen. Diese Leistungen könnten im Landeszusatzvertrag den Nationalen Kollektivvertrag ergänzen.“ Was Mahlknecht als „absolut notwendig“ für seinen Berufsstand und auch für die Patienten nennt, sei in die Zusatzdiagnostik zu investieren. „Ein EKG und Ultraschallgerät sollten in jeder Praxis stehen. Das setze ich voraus“, betonte der Hausarzt. Zur Problemlösung gehöre genauso die Dokumentation, die mittels guten Software-Programmen heute eine große Hilfestellung für die Arbeit der Hausärzte sein könnte. Mahlknecht verwies in dieser Sache auf gute italienische Programme, die im Vergleich zum internationalen Standard sehr gut abschneiden würden. Genauso müsse die Ausbildung von jungen Ärzten weiterhin entwickelt werden und für jene, die in den Beruf als Hausarzt starten möchten Neugründerkredite vergeben werden. (TL)