Südtirol – Glas ist als Baustoff aus der modernen Architektur nicht mehr wegzudenken. So vorteilhaft Glas auch ist, birgt es für Tiere erhebliche Gefahren. Studien belegen, dass Millionen von Vögeln durch den Aufprall an Glas verenden. Wie sieht vogelfreundliches Bauen mit Glas aus?
Vorstellung der Initiative vogelfreundliches Bauen mit Glas: Klaus Graber, Andreas Schatzer, Elisabeth Ladinser, Hanspeter Staffler, Alexander Gruber, Patrick Egger (v.l.).
Herr Graber, gemeinsam mit dem Dachverband für Natur- und Umweltschutz, der Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz hat der Naturtreff Eisvogel, dessen Vorsitzender Sie sind, eine Initiative für vogelfreundliches Bauen mit Glas vorgestellt. Um was geht es bei dieser Initiative?
Klaus Graber: Vogelfreundliches Bauen mit Glas ist in der Bevölkerung gut präsent, dennoch wollten wir als Organisationen mit dieser Initiative gemeinsam verstärkt auf die Wichtigkeit von vogelfreundlichen Bauten hinweisen und aufklären. Es geht vor allem darum auch die Planer:innen und die öffentlichen Bauträger:innen zu sensibilisieren, da durch die moderne Bauweise in den letzten Jahrzehnten Glas als Baustoff zunehmend eingesetzt wird und die Kollision mit Vögeln vorprogrammiert ist. Also das Problem hat es immer schon gegeben, es hat sich aber verstärkt und in Zeiten, wo die Artenvielfalt auch bei Vögeln zunehmend schwindet, ist es notwendig darauf vermehrt hinzuweisen und vor allem jetzt auch Maßnahmen zu setzen. Als federführend kann hier die Schweiz genannt werden, wo in diesem Bereich bereits viel getan wurde.
Warum ist Glas für den Vogelflug so gefährlich?
Glas ist für viele Vögel ein Gefährdungsfaktor, der in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden ist. Jedes Jahr sterben unzählige Vögel beim Aufprall an Glasflächen. Es gibt einerseits transparente und andererseits spiegelnde Glasflächen: transparente Flächen werden von einem Vogelauge nicht erkannt, bei sich spiegelndem Glas wird die Gefahr nochmals verstärkt, weil sich die Natur darin widerspiegelt.
Was wären typische architektonische Beispiele aus Glas, die für Vögel zur Todesfalle werden?
Typische Beispiele wären Wind- und Lärmschutzwände, transparente Verbindungsgänge zwischen Gebäuden oder transparente Häuserfassaden, verglaste Balkone und Wintergärten; also alle großzügigen Glasflächen, in denen sich Bäume und Pflanzen spiegeln können. Ein Beispiel, das auch in ganz Südtirol zu finden ist, sind die verglasten Bushaltestellen. Hier gibt es bereits positive Nachrichten, da die Bushaltestellen, die jetzt neu errichtet werden, mit Vogelschutzglas gebaut werden. Dabei handelt es sich um ein eigenes Glas, das für die Vögel als Barriere erkennbar ist und für den Menschen kaum Sichteinschränkung darstellt.
Besonders „spiegelndes“ Glas ist für Vögel eine sehr große Gefahr, wie hier beim neuen Kindergarten von St. Georgen.
Kollisionsspur eines Vogels
an einer Fensterscheibe.
Was tun, wenn ein Vogel an die Fensterscheibe prallt?
Bei solchen Verletzungen kann man den Vögeln meist nicht mehr helfen, da sie oft schwere Kopfverletzungen aufweisen oder sofort tot sind. Sollte der Vogel dennoch leben, ist es ratsam ihn behutsam an einen Ort zu bringen, wo er sich sicher fühlt. Zum Beispiel kann der Vogel hinter einen Strauch in den Schatten gebracht und beobachtet werden. Bitte den Vogel auf keinen Fall lange in den Händen halten oder weit transportieren. Wenn der Vogel überlebt, kann das Amt für Jagd- und Fischerei in Südtirol benachrichtigt werden, das für solche Fälle die offizielle Stelle ist und weitere Maßnahmen einleitet. Natürlich sind wir als Verein Naturtreff Eisvogel jederzeit auch für Auskünfte zu erreichen.
Die Schweizerische Vogelwarte hat zum Thema „Vogelfreundliches Bauen mit Glas und Licht“ eine Informationsbroschüre herausgegeben und zeigt darin auf, dass allein in Deutschland pro Jahr 100 bis 115 Millionen Vögel beim Aufprall an Glas verunglücken. Wie schauen dazu die Zahlen in Südtirol aus?
Für Südtirol gibt es dazu keine statistischen Daten, die Hochrechnungen, die die Schweizerische Vogelwarte in ihrer Informationsbroschüre nennt, lassen sich aber auch auf andere Länder und damit auch auf Südtirol eins zu eins übertragen. Generell kann aber beobachtet werden, dass vor allem im Frühjahr, wo Jungvögel vermehrt unterwegs sind, sich die Meldungen zu Unglücken an Glasscheiben häufen. Dazu kommen Gebiete, wo es Vogelzug gibt, wo oft seltene Vögel aufgrund von Glasscheiben verenden. Bei einer Studie aus den USA haben Hochrechnungen Vogelverluste durch Glas von jährlich 365 bis 988 Millionen ergeben.
Glas ist ein beliebter Baustoff und ist aus der modernen Architektur nicht mehr wegzudenken. Wie müssen Glasflächen gestaltet werden, damit sie vogelfreundlich sind?
Wie erwähnt, gibt es bereits vogelfreundliches Glas, das für den Menschen keine wesentlichen Sichteinschränkungen hat. Einfach ausgedrückt handelt es sich hier um Glas, das durch verschiedene Markierungen, zum Beispiel Punkte oder Linien in bestimmten Größen, Abständen und Kontrasten, für Vögel als Barriere erkennbar wird. So können viele Vogelopfer vermieden werden. Wichtig wäre es, sich bereits in der Bauphase für solches Glas zu entscheiden, wenn es große Glasflächen gibt, denn nachrüsten ist immer schwieriger. Vogelschutzglas wird in Europa bereits produziert und erfolgreich eingesetzt. Österreich und die Schweiz verwenden seit Jahren Vogelschutzglas in großem Ausmaß. Der Preis für dieses Glas ist um 15 Prozent höher als bei herkömmlichem Glas, bringt aber den gewünschten Schutz für die Tiere, der bei den Greifvogel-Silhouettenaufklebern für Glasflächen nicht immer gegeben ist.
Wie weit ist die Südtiroler Architektur in der Umsetzung vogelfreundlicher Bauten?
Die Umsetzung ist sehr schleppend. Durch diese Initiative hoffen wir, dass vogelfreundliches Glas für größere Glasflächen gesetzlich verankert wird. Die Pressekonferenz ist ebenfalls erfolgreich angenommen worden und es gab viele Rückmeldungen verschiedener Akteure zum Thema.
Durch Symbole, Bilder oder Aufschriften können Glasflächen
sichtbar gemacht und oft auch verschönert werden.
Bushaltestelle in Stegen:
Vogelschutz mittels Punkteraster.
Können Sie uns einige Beispiele für vogelfreundliches bzw. nicht vogelfreundliches Bauen im Pustertal nennen?
Es gibt leider noch sehr wenige positive Beispiele: Eine ist die Pegelmessstation an der Ahr bei St. Georgen wo die Scheiben durch transparente Streifen erfolgreich nachgerüstet worden sind oder eine Bushaltestelle in Stegen, wo bereits Vogelschutzglas verwendet worden ist. Weniger erfreuliche Beispiel gibt es haufenweise. Gerade in manchen Eingangsbereichen sind Glasflächen nicht nur für die Tiere gefährlich, sie werden auch von uns Menschen übersehen.Allzu oft musste ich selber beobachten, wie sich Menschen an übersehenen Glasflächen Verletzungen zuzogen. Ja Glas kann zu fahrlässigen Unfällen beitragen und für mich ist es verwunderlich, dass darauf nicht mehr Rücksicht genommen wird!
Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz, die Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz und der Naturtreff Eisvogel haben eine Initiative für vogelfreundliches Bauen mit Glas vorgestellt. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben für Südtirol?
Alexander Gruber: Als Ressort für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz unterstützen wir diese Initiative natürlich. Kollisionen von Vögeln mit großflächigen Glasfassaden oder Glaselementen, etwa bei Lärmschutzwänden, sind ein bekanntes Problem, das wir künftig stärker vermeiden möchten. In vielen Nachbarländern wurden in den vergangenen Jahren bereits wertvolle Erfahrungen und Lösungsansätze entwickelt. Diese gilt es jetzt auch für Südtirol zu nutzen.
In unserem Land wird gerne und viel mit Glas gebaut. Gibt es den Vogelschutz betreffend bereits allgemeine Bauvorschriften?
Derzeit bestehen in Südtirol keine allgemein gültigen Bauvorschriften zum Vogelschutz im Zusammenhang mit Glasflächen. Deshalb sehen wir hier gesetzgeberischen Handlungsbedarf. Besonders wichtig ist uns dabei auch die Sensibilisierung von Bauherren, Planern sowie Betrieben im Fenster- und Fassadenbau. Wird das Thema bereits in der Planungsphase berücksichtigt, sind die Lösungen meist einfach und kosteneffizient umsetzbar. Nachträgliche Anpassungen hingegen sind deutlich aufwändiger und teurer.
Die Initiatoren für vogelfreundliches Bauen verfolgen das Ziel, dass vogelfreundliches Glas für größere Glasflächen gesetzlich verankert wird! Wie sieht es diesbezüglich aktuell aus?
Bereits in der vergangenen Legislaturperiode gab es Bestrebungen, entsprechende Vorgaben gesetzlich zu verankern. Der Vorschlag konnte damals jedoch nicht mehr rechtzeitig in den Landtag eingebracht werden. Landesrat Peter Brunner begrüßt den neuerlichen Vorstoß. Aus diesem Grund fanden bereits erste Gespräche auf Verwaltungsebene statt, um die bereits geleistete Vorarbeit zu überprüfen und zu aktualisieren.
Im Herbst werden wir unsere Analyse gemeinsam mit den Umweltverbänden vertiefen.
Studie zum Vogelfreundlichen Bauen in der Schweiz
Die Schweizerische Vogelwarte Sempach, eine gemeinnützige Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz, hat zum Thema „Vogelfreundliches Bauen mit Glas und Licht“ eine Informationsbroschüre herausgegeben.
Diese kann unter
https://www.umwelt.bz.it/projekte/
heruntergeladen oder beim Büro des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz abgeholt werden.
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