Käse Festival Sand in Taufers
23. März 2026
Verlässliche Partnerschaft
17. April 2026
Alle anzeigen

Vielfalt bewahren

In Südtirol gibt es sechs Artenvielfaltshöfe. Sabine Schrott Prenn und ihr Mann Franz bewirtschaften einen dieser Artenvielfaltshöfe in Uttenheim. Sie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, altes Südtiroler Kulturgut am Leben zu erhalten.

Frau Schrott Prenn, Sie bewirtschaften gemeinsam mit ihrem Mann Franz den Felderhof, einen Artenvielfaltshof. Was zeichnet einen Artenvielfaltshof aus?
Sabine Schrott Prenn: Auf einem Artenvielfaltshof werden verschiedene lokale Sorten von Gemüse und Getreide angebaut, erhalten und weiterentwickelt. Zudem wird nicht nur das Saatgut und das geerntete Gemüse an Kunden und Kundinnen weitergegeben, sondern durch Vorträge und Veranstaltungen auch das Wissen rund um die Pflanzen. So werden unsere lokalen Sorten am Leben erhalten und landen auf unseren Tellern. Unser großes Vorbild auf diesem Weg sind die Archehöfe, die dieses Konzept bereits für alte Tierrassen umgesetzt haben.

Diese Artenvielfaltshöfe haben sich im Verein „Arche Südtirol E.O.“ zusammengeschlossen, dessen Obfrau Sie sind. Welches Ziel verfolgt der Verein?
Das Ziel ist es Südtiroler Kulturpflanzenvielfalt aufzuzeigen, diese durch Weitergabe von Wissen und Produkten verfügbar zu machen und sie damit zurück auf unsere Äcker, in unsere Gärten und auch auf unsere Teller zu bringen. Kulturpflanzenvielfalt ist ein wichtiger Teil unserer Lebensqualität und Essenskultur sowie ein wichtiger Beitrag für unser Ökosystem. In den letzten Jahrzehnten sind leider sehr viele lokale Sorten verschwunden bzw. kurz davor in Vergessenheit zu geraten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts lag die Vermehrung von Saatgut in den Händen der Bäuerinnen und Bauern, die das Saatgut angebaut und getauscht, sowie ihr Wissen von Generation zu Generation weitergegeben haben. So war es möglich, über Jahrhunderte, eine Vielfalt an Kulturpflanzen zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Der Felderhof liegt am Südhang oberhalb des Ortskerns von Uttenheim und ist seit 2002 biozertifiziert.

Ausgereiftes Saatgut (links) und genussreife
Erbsenhülsen (rechts).

Wie viele Artenvielfaltshöfe gibt es in Südtirol?
Zurzeit sind es sechs Artenvielfaltshöfe in Südtirol: Barbara Dejori Haas betreibt ihren Hof in Eggenbach im Eggental, Annemarie Kofler Gall den Kronlechnerhof in Welschnofen, Christine Schrott Lageder den Oberpalwitterhof in Barbian, Weiss Theodor den Roatnockerhof, in Unsere Liebe Frau im Walde und Martha Lochmann den Bildheimhof in Völlan. Wir sind zwar ein sehr junger Verein und noch in den Startlöchern, wachsen aber stetig, da sich die Gesellschaft jetzt bewusster mit regionalen Produkten und ihrer Herkunft auseinandersetzt als noch vor Jahren.

Sie bauen auf dem Felderhof über 400 Gemüse-, Getreide- und Kartoffelarten in Bioland-Qualität an, viele davon sind alte Sorten. Wie kam es dazu?
Ich war an der Fachschule Laimburg in der Erwachsenenbildung tätig, wo Themen des bäuerlichen Hausgartens, der Südtiroler Kulturpflanzenvielfalt und der Gartenführung behandelt wurden. Dabei habe ich eine tolle Gruppe von Frauen kennengelernt und bin immer tiefer in die Materie Anbau alter Sorten abgetaucht. Als ich meinen Mann Franz kennenlernte, bin ich auf den Felderhof gekommen und wurde Bäuerin. Anfangs unterrichtete ich noch an der Fachschule Dietenheim, aber nach der Geburt unseres Sohnes haben wir begonnen ein bisschen Gemüse anzubauen. Wir haben uns organisiert und weitergedacht und die Möglichkeit bekommen am Brunecker Bauernmarkt mitzumachen. Wir haben ganz klein begonnen und unsere Ernte am Bauernmarkt in Bruneck verkauft. Mittlerweile sind es an die 400 verschiedene Sorten Gemüse, Getreide und Kartoffeln, die wir gemeinsam anbauen. Es sind vor allem samenfeste Sorten, darunter einige Südtiroler Lokalsorten, die ich von Jahr zu Jahr auch vermehre. Ich muss zugeben, dass diese Beschäftigung mich nicht nur fasziniert, sondern fester Bestandteil meines Lebens ist.

Maria Hecher Zingerle aus Antholz-Mittertal in ihrem Garten der Vielfalt.

Martha Lochmann vom Bildheimhof in Völlan und ihr Schatz die Ultner Familienzwiebel.

Was macht eine alte Sorte aus?
Alte Sorten wurden über lange Zeiträume lokal angebaut und tragen damit ein kulturelles Erbe in sich. Diese Sorten verfügen über eine große genetische Vielfalt, die es ihnen ermöglicht, besonders anpassungs- und entwicklungsfähig zu sein. Dazu sind sie samenfest und lassen sich im eigenen Garten weitervermehren. Geschmacklich bieten solche alten Sorten meist Überraschungen, auch in Form- und Farbenvielfalt variieren sie von Ernte zu Ernte. Was wir als Verein auf unseren Artenvielfaltshöfen machen nennt man On-Farm Erhaltung, also die Erhaltung durch Nutzung alter Sorten. Das Gegenstück dazu ist eine Genbank, wo die Sorten ausschließlich gelagert werden. Alte Sorten sind selten, weil sie den Anforderungen der intensiven Agrarproduktion (hoher Ertrag und Transportfähigkeit) nicht entsprechen. Deshalb sind diese Sorten gefährdet, für immer verloren zu gehen!

Welche alten Gemüsesorten sind für das Pustertal typisch?
Typische Gemüsesorten sind zum Beispiel Krautrüben, Kohlrüben (Pusterer Peim), Mais, Bohnen, Erbsen, verschiedene Getreidesorten, Lein, Ackerbohnen und Brotklee, um nur einige zu nennen.

Welche alten Sorten mögen Sie besonders?
Das ist nicht leicht zu beantworten, denn alle Sorten haben ihre Besonderheit, was sicher auch der Grund ist, warum es sie noch gibt. Einige kann ich dennoch aufzählen! Mich fasziniert Mohn, wegen seiner vollen Schönheit und seinem Geschmack, die Kohlrübe wegen ihrer Vielseitigkeit, Erbsen aufgrund ihrer filigranen Art und ihrem versteckten Potential und natürlich Brotklee, das dem Bauernbreatl erst die richtige Würze verleiht.

Warum sind alte Sorten so rar geworden?
Ein Grund dafür ist, dass das Saatgut nicht mehr selbst vermehrt wurde und so die Verfügbarkeit nicht mehr gegeben war. Ein weiterer Grund ist, dass gewisse alte Sorten etwas heikel zu handhaben sind, wie etwa die Südtiroler Ackerbohne beim Anbau. Diese alte Sorte muss im Februar, spätestens bis Anfang April gesät werden, ansonsten gibt es kaum oder nur eine schlechte Ernte. Ich muss also bei alten Sorten über ein bestimmtes Wissen verfügen, das früher von Generation zu Generation weitergegeben wurde, heute aber nicht mehr für alle zugänglich ist.

Hier werden kleine Pflänzchen der samenfeste Sorte der weißen Melisse großgezogen.

Die 400 Gemüse-, Getreide- und Kartoffelarten haben auf dem Felderhof in Uttenheim ausreichend Platz zum Wachsen und Gedeihen.

Wo können Menschen, die wieder vermehrt alte Sorten anbauen möchten, das alte Saatgut beziehen?
Wenn man etwas bewegen will, zählt der Wille! Beim Anbau alter Sorten ist es nicht anders. Jeder von uns kann in seinem Garten oder auch nur in einem Hochbeet Gemüse ziehen. Das Saatgut ist zum Beispiel beim Saatgutfest erhältlich, das unser Verein ‘Arche Südtirol E.O.‘ in Zusammenarbeit mit der Südtiroler Bäuerinnenorganisation und dem Tourismusverein Lana vor kurzem in Lana organisiert haben. Dazu tauschen wir auch gern untereinander unser Saatgut aus. Ein großer Wunsch wäre eine digitale Saatgutbörse einzurichten. Diese Idee wäre essenziell, um Vermehrer:innen und Anbauer:innen zu vernetzen, scheitert aber nach wie vor an der Finanzierung. Am 3. Mai organisieren wir einen Pflanzenmarkt in Klausen, wo auch Pflanzen weitergegeben werden können.

„Arche Südtirol E.O.“ war beim grenzüberschreitenden Interreg-Italien-Österreich-Projekt Pustertaler Kulturartenvielfalt (PuKuVi) mit dabei. Worum ging es bei diesem Projekt?
Das grenzüberschreitende Interreg-Italien-Österreich-Projekt PuKuVi hat 2021-2022 stattgefunden und wurde gemeinsam mit der EURAC und der Gemeinde Assling realisiert¸ auf österreichischer Seite wurde das Projekt seitens der Universität für Bodenkultur (Wien) umgesetzt. Das gemeinsame Anliegen war, alte, seltene und gefährdete Gemüsesorten aus dem Pustertal voranzubringen. Das Spannende daran war vor allem grenzübergreifend zusammenzuarbeiten und festzustellen, dass diesem Thema keine Grenzen gesetzt werden können. Im Rahmen des Projektes wurden viele Veranstaltungen, Gartenbegehungen und Lehrfahrten organisiert.

Viele erkennen dieses Gemüse nicht:
Die Gadertaler Kohlrübe.

Sabine Schrott Prenn ist fasziniert vom Mohn:
„…wegen seiner Schönheit und seinem Geschmack.“

Der Klimawandel stellt Bäuerinnen und Bauern vor zahlreiche Herausforderungen. Welche Beobachtungen haben Sie dazu beim Anbau auf Ihrem Hof gemacht?
Saatgutvermehrung und Anbau von lokalen Sorten sichern deren genetische Eigenschaften. Die samenfesten Sorten können sich bestens an das jeweilige Gelände, Niederschlag, Bodenqualität und Temperatur anpassen. Ändert sich das Klima, ändern sich die Pflanzen mit dem Klima! Pflanzen aus hybridem Saatgut können das nicht leisten. Hybridsorten sind darauf trainiert ertragsstark und gut transportierbar zu sein. Ein Beispiel aus meinem Garten: Tomaten möchte ich früh ernten, damit ich sie über den ganzen Sommer genießen kann. Deshalb verwende ich jeweils für die nächste Anzucht immer die Samen jener Tomaten, die am frühesten reif waren. So wird der Erntezeitraum jedes Jahr etwas verlängert. Durch diese Selektion kann ich mitbestimmen welche Eigenschaften ich mir für die Zukunft wünsche.

Bei Gartenführungen bereichern Sie Menschen mit Ihren Pflanzenwissen. Wie ist das Interesse an lokalen Sorten?
Das Interesse steigt von Jahr zu Jahr. Eine Herausforderung ist allerdings die Begleitung, Verteilung und Koordination, die gleichzeitig mit der Arbeit am Hof anfällt.
TL