

Südtirol – Der Mai ist nicht nur der Monat des Frühlingserwachens, sondern auch die Zeit der Bittgänge und Wallfahrten; eine Zeit, in der die Grenzen zwischen tiefer Volksgläubigkeit, Naturverbundenheit und lebendigem Brauchtum verschwimmen.
Dass gerade der Mai zum zentralen Wallfahrtsmonat wurde, ist kein Zufall. In der katholischen Tradition ist er der Gottesmutter Maria gewidmet. Maria wird als „schönste Blume“ und „Maienkönigin“ verehrt – ein Sinnbild für die Fruchtbarkeit und die lebensbejahende Kraft des Frühlings. In dieser Zeit ziehen die Menschen in feierlichen Bittgängen und Maiandachten zu den Gnadenorten.
Bittgänge – Gebete für Feld und Flur
Ein besonderes Phänomen sind die Bittgänge, die oft in den Tagen vor Christi Himmelfahrt – den sogenannten Bitttagen – stattfinden. Während Wallfahrten oft das persönliche Seelenheil oder den Dank für ein Gelübde zum Ziel haben, sind Bittgänge kollektive Gebete um eine gute Ernte und Schutz vor Unwettern. Dabei ist es gerade die Gemeinschaft im Gehen, die auf viele Menschen eine Faszination ausübt, und die in den letzten Jahren eine wahre Renaissance erlebt. Oft ziehen die Gläubigen schon in den frühen Morgenstunden los: Angeführt vom Vortragekreuz und begleitet vom rhythmischen Murmeln des Rosenkranzes, wandern sie durch Felder und Wälder. Die wohl bekanntesten Bittgänge sind wahrscheinlich der Ahrntaler Bittgang zur Kornmutter in Ehrenburg und der Bittgang der Ladiner nach Kloster Säben (letzterer im Dreijahresrhythmus).
Die Gnadenorte des Pustertals
Das Pustertal hat gleich mehrere Kraftorte, die ganz besonders im Mai Scharen von Pilgern:innen anziehen. Maria Saalen bei St. Lorenzen ist nicht nur einer davon, es ist wahrscheinlich der beliebteste Wallfahrtsort im mittleren Pustertal. Seit Jahrhunderten wird dort die „Schwarze Madonna“ verehrt. Viele Pilger:innen wandern von Montal aus zur Kapelle, um dort in der Stille ihre Bitten vorzubringen. Genauso wie in der Pfarrkirche zum Hl. Maria (Maria, Mutter vom Guten Rat) in Enneberg-Pfarre, eine bedeutende Wallfahrtskirche im Gadertal. Sie ist ein traditionsreiches religiöses Zentrum, zu dem seit Generationen Bittgänge aus den umliegenden Ortschaften führen. Doch der wahrscheinlich bekannteste Marienverehrungsort im Pustertal ist Aufkirchen bei Toblach. Erstmals im Jahr 1333 als Wallfahrtsort erwähnt, erlebte Aufkirchen schon im 15. Jahrhundert eine Blütezeit. Ablassverleihungen, zahlreiche Pilger und die Feierlichkeiten zum Schmerzensfreitag trugen maßgeblich dazu bei. Als das ursprüngliche Kirchlein zu klein wurde, errichtete man 1470 ein gotisches Gotteshaus rund um das ausdrucksstarke Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes.
Ein lebendiges Erbe
Was die Tradition rund um die Bittgänge im Mai so besonders macht, ist ihre Beständigkeit. Wenn man beispielsweise von den „Ehrenburga Kreize“ spricht, schwingt eine über 650-jährige Geschichte mit. Dieser Bittgang ist einer der längsten und eindrucksvollsten der Region. Die Legende besagt, dass die Statue der Kornmutter ursprünglich in einer Esche im Ahrntal stand. Nach ihrer wundersamen Wiederauffindung in einer Aue in Ehrenburg versuchten die Ahrntaler mehrfach, sie in ihre Heimat zurückzuholen – doch die Statue kehrte jedes Mal „von Geisterhand“ nach Ehrenburg zurück. Seither pilgern die Ahrntaler zu ihr. Ursprünglich für Pilgerinnen und Pilger gleichermaßen gedacht, ist daraus ein Marsch der Männer geworden: Traditionell machen diese sich am Freitag nach Christi Himmelfahrt auf den Weg. Der Kreuzgang startet um Mitternacht in Prettau am Talschluss. Angeführt wird der Zug vom „durchschossenen Kreuz“ von Heilig Geist. Die Pilger legen in rund 17 Stunden über 50 Kilometer bis zur Gnadenkapelle in Ehrenburg zurück, um für eine reiche Ernte und den Schutz von Haus und Hof zu beten. Neben den größeren Bittgängen wie diesem gibt es auch weniger bekannte Bittgänge, die man oft nur in den direkt betreffenden Orten kennt.
Bitten um Schutz, Weitsicht, Heilung
Beispielsweise liegt oberhalb von Mühlen in Taufers ein besonders friedvoller Rückzugsort: die klein Maria-Hilf-Kapelle. Zu ihr wird alljährlich einmal im Mai ein Bittgang abgehalten. Doch ist es nicht ausschließlich die Hl. Maira, die bei den Bittgängen im Mai angerufen wird. In Kematen in Taufers beispielsweise wird alljährlich am 1. Mai die Sankt-Walburg-Kapelle mit Gebet und Gesang erklommen, wobei der hl. Walburga gedacht wird. Hoch über dem Tauferer Talboden thront dieses gotische Kirchlein auf einem ehemaligen Burghügel. Einst war dieser Ort weit über die Grenzen des Tales hinaus bekannt. Pilger:innen holten hier das „Walburgisöl“, dem heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Besonders im Mai, wenn die Aussicht über das erwachende Tauferer Ahrntal besonders klar ist, verbinden viele Gläubige den Bittgang mit dem Dank für die Schönheit der Schöpfung. Das „Walburgstöckl“, wie es im Volksmund genannt wird, gilt als einer jener „Kraftorte“, die oft auf vorchristliche Kultstätten zurückgehen. Ein weiterer traditioneller Bittgang findet Mitte Mai von Dietenheim zur Kapelle in Luns statt. Nur ein paar Schritte weiter nördlich pilgern Gläubige in der Bittwoche von Aufhofen zur kleinen Kapelle der 14 Nothelfer. Diese liegt am Hang zwischen Aufhofen und St. Georgen, die 14 Nothelfer werden hier traditionell in Zeiten von Krankheit und Not um Beistand gebeten. Ein weiterer lokaler Bittgang führt von St. Georgen nach Aufhofen, meist verbunden mit einer anschließenden Heiligen Messe. All diese und viele weitere Bittgänge bilden im Mai ein dichtes Netz, das das das gesamte Pustertal überspannt. Dieses „Beten mit den Füßen“, die Monotonie des Gehens, das rhythmische Murmeln des Rosenkranzes und das Wissen, dass schon die Vorfahren dieselben Wege antraten, geben dieser Tradition ihre zeitlose Kraft.
SH