

Mühlbach / Gais- Mario Clara aus Campill hat Hunderte von Schalensteinen dokumentiert und besitzt darüber die größte Datenbank Südtirols.
Schalensteine sind auf nahezu allen Kontinenten zu finden. Deren Bedeutung hat die Wissenschaft aber bis heute nicht enträtselt, eine eindeutige Erklärung gibt es nicht. Vermutet werden rituelle und religiöse Funktionen wie Opferaltäre, Becken für Flüssigkeitsopfer (Wasser, Blut, Milch) oder Behälter für tierisches Fett das als Lichtquelle angezündet wurde. Andere Hypothesen sehen in ihnen Darstellungen von Sternbildern, Landkarten sowie Weg- oder Grenzmarkierungen. Mario Clara führt uns ein in diese mystisch behafteten Steinzeichen.
Wie entstand Ihr Interesse für die Schalensteine?
Im August 2019 war ich zufällig im Mühlbacher Talile bei Gais unterwegs und stieß oberhalb der Winterstaller Alm auf einen großen Stein mit über 200 Einwölbungen. Er liegt im Zentrum einer kreisförmigen Trockenmauer. Dieser bearbeitete Stein auf 2.100 m hat mich fasziniert, es war die Initialzündung, mich fundiert mit Schalensteinen zu befassen. Landesweit sind Schalensteine bekannt, also begab ich mich auf die Suche nach weiteren Objekten und begann sie zu fotografieren, 3D-Aufnahmen zu erstellen und mit GPS-Koordinaten festzuhalten.
Wie kann man Schalensteine einordnen?
Das Alter von Schalensteinen lässt sich kaum ermitteln, außer sie liegen im Umkreis von archäologischen Funden wie z. B. bei Sotciastel in Abtei, wo man eine befestigte Siedlung aus der Bronzezeit entdeckte. Einordnen kann man Schalensteine jedoch aufgrund ihres Aussehens: es gibt mit Steinen oder mit Metallen bearbeitete Einbuchtungen. Mit Stein bearbeitete Schalen haben symmetrische, abgerundete Ränder im Vergleich zu geraden, mit Metall gehauenen und unsymmetrischen Kanten; auch sind diese Einbuchtungen meist tiefer. Die mit Steinwerkzeug gefertigten Schälchen zeugen von Praktiken uralter Epochen und können Tausende Jahe alt sein. Später in christlicher Zeit wurden mitunter Schälchenritzungen mit Kreuzen versehen, um die frühere heidnische Verehrung des Ortes zu verdrängen oder in einen christlichen Sinn umzulenken.
Im Bereich von Almen finden wir auch Steine versehen mit Löchern jüngeren Datums zum Befestigen der Sense, um diese zu dengeln. Interessant ist aber, dass wir Schalensteine auf der ganzen Welt vorfinden, deren Aussehen sich jedoch kaum unterscheidet.
Nicht verwechseln dürfen wir indes Zeichen auf Steinen, die aufgrund eines mineralischen oder metereologischen Einflusses sowie durch Wasserdruck oder Gletscherschliff entstanden sind. Besonders im Ahrntal gibt es viele Steine mit Einbuchtungen, die Schalensteinen ähneln, welche sich jedoch auf natürliche Weise gebildet haben. Damit befasse ich mich aber nicht, sondern nur mit Werken aus Menschenhand.
Wo im Pustertal finden wir vorrangig Schalensteine?
Reich an Schalensteinen und Steinsymbolen ist das Gsieser Tal, weiters finden wir sie in Pfalzen, Terenten, St. Lorenzen und in der Umgebung von Bruneck. Auf Dolomitgestein sind sie kaum vorhanden, was auf die Härte des Materials zurückzuführen sein mag; bei Außergsell in Sexten ist ein seltenes Beispiel davon. Ebenso selten findet man sie auf Granit oder Gneis wie im Ursprungtal oder bei den Koflerseen in Rein. Schalensteine trifft man oft in der Nähe von Jöchern an, bei Almen, Hochweiden, Bergseen und Bächen.
Welche Art von Stein wurde hauptsächlich bearbeitet?
In Südtirol finden wir menschliche Bearbeitungen sehr oft auf Quarzphyllit, ein metamorphes, feinkristallines Gestein, das relativ leicht zu behandeln ist. Die Farbe variiert von Dunkelgrau bis Grauschwarz oder Grünlichgrau.
Was bedeuten Schalensteine für Sie?
Wissenschaftlich sind Sinn und Zweck von Schalensteinen nicht belegt. Für Menschen, die sie geschaffen haben, hatten sie mit Sicherheit eine große Bedeutung, denn sonst käme niemand auf die Idee, diese mühsame, kraft- und zeitraubende Arbeit auf sich zu nehmen. Diese archaischen Zeichen und Symbole zu finden ist für mich faszinierend. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so geheimnisvoll und rätselhaft sind. Sie sind Juwelen in einem universalen Freilichtmuseum.
Warum haben Sie so viele dokumentiert?
Es scheint mir wichtig, diese archaischen Spuren der Menschheit für die Nachwelt festzuhalten. Meine Kinder ermunterten mich, meine Funde in einem Buch den Interessierten näherzubringen. Darin sind rund 80 Fundorte in Südtirol erklärt. Es ist in italienischer Sprache geschrieben und trägt den ladinischen Titel „Monumënc de pera“. Einen weit größeren Teil von etwa 500 Fundorten von Schalensteinen habe ich online in eine Datenbank gestellt, abrufbar unter www.archeologya.it sowie auf Instagram unter @archeologya, wo ich laufend meine Neuentdeckungen eintrage und katalogisiere.
Neben Schalensteine dokumentiere ich auch historische Grenzsteine, Menhire, Saurierspuren oder Steine mit eingemeißelten kultischen Symbolen. Ebenso Seelensteine über archaischen Gräbern, mit einem Loch versehen, wodurch die Seele der Verstorbenen in die Freiheit strömen könne, weiters Rutschsteine zur Erlangung von Fruchtbarkeit oder Schliefsteine zur Entledigung von Sünden. Ich denke, die Datenbank ist die bisher größte und umfassendste Sammlung in Südtirol, in der diese archäologischen Einmaligkeiten online festgehalten sind. Und ich danke allen, die mich auf noch nicht dokumentierte Schalensteine aufmerksam machen.
IB
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