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Tourismus. Seit 40 Jahren nichts gelernt?

Toblach – Die Toblacher Gespräche 2026 befassten sich mit der Frage, wie im Tourismus eine Balance zwischen ökonomischen und sozial-ökologischen Interessen erreicht werden könnte.

Im Jahr 1985 wurden die Toblacher Gespräche von Hans Glauber ins Leben gerufen, und zwar zum Thema „Für anderen Tourismus – am Beispiel des Bergtourismus“. Bereits vor 40 Jahren erkannte man den alpinen Raum als ein verletzliches System im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, sozialem Gefüge, Kultur und Umwelt. Ziel war es, sich für einen Tourismus einzusetzen, der diese Vernetzungen berücksichtigt und der langfristig einen größtmöglichen Nutzen für alle Beteiligten schafft: für die Ortsansässigen, die Tourismusunternehmen und die Gäste – aber auch gleichzeitig untragbare ökologische Nachteile vermeidet.

Hierzu wurden 11 Thesen erstellt, die Kurzfassung:

These 1: Die gegenwärtigen Umwelt-, Wirtschafts- und sozialen Krisen geben Anlass zu einem Umdenken und öffnen Chancen für neue Perspektiven.
These 2: Für die langfristige Sicherung des Berggebietes als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum kann der Tourismus wesentlich beitragen. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Tourismus seine eigenen Grundlagen – die Landschaft und kulturelle Eigenart – zerstört.
These 3: Es gilt, Grenzen zu setzen und akzeptieren. Dies kann über Gebote, Verbote und neue Bewusstseinsbildung geschehen sowie im Erkennen, wo Tourismus ausgeschlossen bleiben soll.
These 4: Jede Tourismusentwicklung soll konsequent auf die natürliche und kulturelle Eigenart einer Region ausgerichtet werden; der Gast soll sich dieser Eigenart anpassen, und nicht umgekehrt. Es bedarf eines charakteristischen Spektrums, einer Differenzierung und keines gleichmacherischen Einheitsangebotes.
These 5: Die Interessen der Ortsansässigen sind vor jenen der Auswärtigen zu stellen. Eine die Kulturlandschaft erhaltende Landwirtschaft ist von Bedeutung.
These 6: Tourismusprojekte müssen Teil eines Gesamtkonzeptes sein, das von Anfang an unter Mitbeteiligung aller Betroffenen zu erarbeiten ist.
These 7: Voraussehbare sozio-ökonomische Rahmenbedingungen lassen eine weitere Ausdehnung der touristischen Nachfrage nach bisherigem Muster nicht erwarten. Deshalb ist ein weiterer quantitativer Ausbau der touristischen Kapazität mit ökonomischem Risiko behaftet, die Entwicklungsgeschwindigkeit ist zu reduzieren.
These 8: Ökologie ist Langzeitökonomie. Das ist die Maxime für die Zukunft.
These 9: Tourismus muss den Zugang zum sinnlichen Erlebnis eröffnen. Die entsprechenden Werte sind bewusst zu erhalten und kultivieren.
These 10: Zukünftige Tourismuspolitik muss zu einer neuen Zusammenarbeit von Stadt, Land, Reisenden und Bereisten führen, die auf den Prinzipien einer gerechten Verteilung von Kosten und Nutzen beruht. Der Gefahr politischer und ökonomischer Fremdbestimmung muss stetig entgegengetreten werden.
These 11: Tourismus ist für viele die Zeit der größten Freiheit. Darin liegt die Chance, Selbstbestimmung, gegenseitiges Verständnis und Solidarität, auch mit der Natur, zu üben. Tourismus ist für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Tourismus.

Wo stehen wir heute?
Südtirol ist vom Tourismus stark geprägt. Eine Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) bestätigt: Südtirol leidet am Übertourismus. Die Balance zwischen ökonomischen Interessen einerseits und sozialen sowie ökologischen Interessen andererseits ist in vielen Orten Südtirols, die von Massentourismus geplagt sind, noch nicht erreicht. Nicht nur 1985, sondern auch jetzt, sehen wir uns immer noch mit denselben Herausforderungen konfrontiert. Bei den heurigen Toblacher Gesprächen wurde diskutiert, warum wir dieses drängende Problem nicht nur nicht gelöst haben, sondern uns noch immer auf demselben Pfad befinden wie vor 40 Jahren.

Hochkarätige Diskussionen
Wie können wir endlich eine Kehrtwende einläuten? Darum ging es in den wissenschaftlichen Vorträgen und hochkarätigen Debatten. Gewarnt wurde vor dem zunehmenden Verbrauch von nicht erneuerbaren Gütern wie intakte Natur (Wasser!). Seit Jahren werde vor Overtourism gemahnt, was aber, wenn die vertraute Heimat selbst verlorengeht? Die Schmerzgrenze sei längst erreicht, was objektive Daten zeigten. Der 2022 eingeführte Bettenstopp entwickle sich aufgrund aktueller Bestimmungen zur Farce. Der Wohlstand des Landes werde vom Tourismus generiert, das Erlebnis gehe aber im Massentourismus unter. Unbegrenztes Wachstum in einem begrenzten Rahmen sei nicht möglich, geschützte Zonen würden ausgebeutet. Die Berge seien kein gezähmter Lebensraum. Katastrophen aufgrund des menschengemachten Klimawandels nehmen aufgrund übermäßiger Eingriffe in die Natur zu. Die kulturelle Verwüstung sei aber noch tiefer. Ein ernsthaftes Umdenken sei nicht in Sicht. Es brauche ehrliche Dialoge auf Augenhöhe. Es sollte der politische Mut gefunden werden, endlich Grenzen zu setzen.
Südtiroler Politiker – unsere Entscheidungsträger – waren bei den heurigen Toblacher Gesprächen leider nur wenige anwesend.

Fazit: Hätten wir die 11 Toblacher Thesen ernst genommen, wären wir heute um ein Vielfaches weiter. Denn sie haben auch nach 40 Jahren nichts an ihrer beunruhigenden Aktualität verloren.
IB