

Kiens – Olympia verändert einen Sportler. Bei Walter Plaikner aus Kiens ist es genau umgekehrt: Er hat Olympia für immer verändert.
Die olympische Geschichte von Walter Plaikner beginnt vor mehr als 50 Jahren. Der damals junge Mann aus Kiens arbeitet Anfang der 1970er-Jahre hauptberuflich als Karosseriespengler. Seine Freizeit und seine ganze Leidenschaft aber gehören dem Rodelsport. Gemeinsam mit Paul Hildgartner – ebenfalls ein waschechter „Kiener“ – bildet Walter Plaikner ein fast unschlagbares Duo im Rodel-Doppelsitzer. Ein Jahr vor den olympischen Spielen im japanischen Sapporo 1972 werden Plaikner und Hildgartner Welt- und Europameister auf ihrer Rodel – und reisen als Mitfavoriten zu den Spielen in Fernost. Was sie dort leisten und erleben sollte den Rodelsport für immer verändern, wie Walter zu erzählen weiß.
Welche Erinnerungen an die Spiele 1972 in Japan sind bei Ihnen auch heute noch lebendig?
Walter Plaikner: „Olympia zu erleben, die größte Sportveranstaltung der Welt, das ist etwas ganz besonderes. Für mich war es damals eine Premiere, ins Land der aufgehenden Sonne zu reisen. Obwohl wir uns voll auf den sportlichen Wettkampf konzentrierten, waren die Eindrücke im Land und im olympischen Dorf sehr prägend. Dort gab es moderne Armbanduhren und kompakte Fotoapparate, was damals für einen Puschtra schon sehr exotisch war. Ich habe die Tage damals in Japan sehr genossen, auch weil wir nach unserem Sieg nicht sofort nach Hause gefahren sind. Wir haben uns quasi selbst mit drei Tagen Urlaub in der Hauptstadt Tokio belohnt und dort die Energie und den Charme dieses Landes aufgesaugt.“
Es war ein redlich verdienter Lohn, denn euer Olympiasieg war eine äußerst knappe Angelegenheit.
Allerdings. Dabei sind wir eigentlich ganz entspannt zu den Spielen angereist. Als amtierende Weltmeister und Europameister hatten wir schon große Erfolge gefeiert und standen nicht wirklich unter Erfolgsdruck – ganz im Gegensatz zu unserer Konkurrenz aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Bei den ersten Trainingsfahren in Japan sind wir mit unserer neuen Rodel zweimal in die Bande gefahren. Da war uns klar, dass unser Renngerät und wir als Team sehr schnell sind. Unsere Zeiten haben die Topfavoriten aus Ostdeutschland wahrscheinlich etwas nervös gemacht.
Ihr seid bei Olmypia mit einer neuen, ungewohnten Rodel angetreten?
Ja, unser Trainer bestand darauf, dass wir mit dem neuen Sportgerät zu den Spielen reisen. Dabei hatten wir bei der Ankunft in Japan noch nicht einmal einen Sitz auf der Rodel. Den haben wir uns erst dort maßschneidern und montieren lassen. Es war ein Sitz aus Leder und nicht wie üblich aus Stoff – und ich glaube, dass uns dieses neue Material einen entscheidenden aerodynamischen Vorteil gebracht hat.
Hat euch ein Ledersitz also den Olympiasieg beschert?
Der Wettkampf war ein spannendes Drunter und Drüber. Wir hatten das Team der DDR im ersten Lauf um drei Zehntelsekunden distanziert. Das brachte die Deutschen auf die Palme und sie legten Protest ein – mit der Begründung, dass die Startanlage nicht ganz tadellos sei. Ihrem Einspruch wurde statt gegeben und der Lauf annulliert. Also ging‘ s in den zweiten Durchgang. Und obwohl wir direkt nach dem Start die Banden touchierten, waren wir schon wieder schneller als das Gespann aus der DDR. Danach ging‘ s in den dritten und finalen Lauf, wo uns eine nahezu perfekte Fahrt gelang. Als die Zeitnehmung uns dennoch einen Rückstand von sechs Hundertstelsekunden anzeigte, waren wir – und vor allem unser Trainer – etwas ungläubig. Wie konnte das sein?
Eure Goldmedaille war dann eine Art salomonische Entscheidung?
Das stimmt. Das damalige Reglement sah vor, dass bei gleicher Gesamtzeit zweier Teams die Entscheidung beim IOC Präsidenten lag, an wen Gold gehen sollte. Und der Präsident entschied, dass sowohl wir als auch die DDR Gold erhalten sollten. Danach änderten der Rodelverband und das IOC ihr Reglement.
Euer Sieg hat tatsächlich die Regeln geändert?
Ja, seither wird beim Rodeln in Tausendstelsekunden gemessen. So gesehen haben Paul Hildgartner und ich haben diesem Sport und Olympia also unseren Stempel aufgedrückt.
RF
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