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Neue Chance in der Lebensmitte

„Noch nie waren Frauen ab 50 so gesund, aktiv, attraktiv und erfolgreich wie heute. Wer die Wechseljahre als Chance sieht, kann das eigene Leben mit mehr Selbstbestimmung, Kraft und Klarheit gestalten“, betont Evi Hellweger. Die Trainerin für ganzheitliche Frauengesundheit coacht Frauen, die sich in dieser Lebensphase befinden.

Mag. Evi Hellweger, Trainerin für ganzheitliche Frauengesundheit & Wechseljahre.

Frau Hellweger, in der Lebensmitte treten viele Frauen in eine völlig neue Lebensphase ein: die Wechseljahre. Wie beschreiben Sie diese Lebensphase?
Evi Hellweger: Die Wechseljahre sind die letzte große und zugleich längste hormonelle Umbauphase im Leben einer Frau. Der Körper verabschiedet sich von der fruchtbaren, reproduktiven Phase und läutet eine neue Etappe der Produktivität ein: Jahre, in denen Projekte, Träume und Wünsche jenseits des Kinderkriegens Raum und Energie bekommen.
Frauen erleben hormonelle Schwankungen bereits in Pubertät, Zyklus und Schwangerschaft.
Die Wechseljahre können hormonell noch einmal einen deutlichen Höhepunkt setzen – sowohl in Dauer als auch in Intensität. Viele Frauen trifft diese Phase unvorbereitet – mit zunächst diffusen Symptomen, mitten im aktivsten Berufs- und Privatleben. Diese Umbauphase ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Neuordnung mitten im Alltag –
ein Lebensabschnitt, den alle Frauen durchlaufen, die das Privileg haben, älter zu werden.

Sie halten zum Thema Wechseljahre Vorträge, Workshops und Coachings ab. Ist dieses Thema stark von Tabus geprägt oder wird es offen in unserer Gesellschaft gelebt?
Die Wechseljahre erleben derzeit einen deutlichen Wandel in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung. Das Thema ist sichtbarer geworden, wird offener diskutiert und verliert zunehmend seinen TabuCharakter. Viele Frauen sind heute besser informiert als noch vor wenigen Jahren: Sie lesen Bücher, hören Podcasts usw. Diese Kombination aus öffentlicher Sichtbarkeit und informierten, selbstbestimmten Frauen verändert nachhaltig, wie über die Wechseljahre gesprochen wird. In meinen Vorträgen, Workshops und Coachings erlebe ich sehr viel Offenheit, Neugier, Humor und Freude am Lernen – selbst dann, wenn Frauen unter belastenden Symptomen leiden. Auch von Unternehmen erhalte ich zunehmend Anfragen. Wir stehen in der GenderMedizin, in der Forschung am weiblichen Körper und in der Gleichberechtigung von Menschen jeden Geschlechts und Alters zwar noch am Anfang, entwickeln uns aber weiter – und sind auf einem guten Weg.

Sie sind Expertin für ganzheitliche Frauengesundheit, was passiert in den Wechseljahren mit dem Körper der Frau?
Vorab ist mir wichtig zu betonen, dass die medizinische Perspektive auf Hormongesundheit unverzichtbar ist – Ärzt:innen sind die zentrale Anlaufstelle für Diagnostik, Therapie und eine fundierte medizinische Einschätzung. In den Wechseljahren beginnen sich viele körperliche Prozesse neu zu organisieren. Der Energieverbrauch verändert sich, Insulin wirkt anders, und der Körper neigt dazu, Fett vermehrt im Bauchraum zu speichern. Diese Gewichtszunahme hat weniger mit „falschem Verhalten“ zu tun, als viele glauben, sondern ist Ausdruck einer hormonellen Umstellung. Gleichzeitig verstärken sich stille Entzündungen – ein unterschwelliger Zustand, der Müdigkeit, Gelenkbeschwerden oder ein diffuses Krankheitsgefühl begünstigen kann. Haut, Haare und Bindegewebe verändern sich ebenfalls. Östrogen spielt eine zentrale Rolle bei der Kollagenbildung. Nimmt es ab, verliert die Haut an Spannkraft, Haare werden feiner und Nägel brüchiger. Ein weiterer unterschätzter Bereich ist Muskulatur und Knochengesundheit. Mit dem Rückgang der Östrogene nimmt die Knochendichte langsam ab, gleichzeitig baut der Körper Muskelmasse leichter ab. Ein frühes und häufiges Thema sind auch die Schleimhäute, etwa im Intimbereich, in den Augen oder im Mund. Sinkende Östrogenspiegel führen dazu, dass Haut und Gewebe trockener, empfindlicher und anfälliger für Reizungen oder Infektionen werden.

Die Wechseljahre (Klimakterium) kennen vier Phasen: Prämenopause, Perimenopause, Menopause und Postmenopause. Könnten Sie uns diese Begriffe erklären?
Die Wechseljahre werden häufig mit der Menopause gleichgesetzt. Dabei bezeichnet die Menopause lediglich den Tag der allerletzten Regelblutung. Die Wechseljahre selbst sind ein langjähriger hormoneller Übergang, der sich in folgende Phasen gliedert:
Prämenopause: Sie kann bereits ab Mitte/Ende 30 beginnen. Der Zyklus verändert sich oft zunächst nur subtil, Eisprünge können unregelmäßiger oder weniger stabil werden. Vor allem das Progesteron beginnt zu sinken, erste Symptome können auftreten, bleiben jedoch häufig unspezifisch.
Perimenopause: Diese Phase umfasst meist mehrere Jahre vor der Menopause und gilt für viele Frauen als die herausforderndste Zeit. Die hormonellen Schwankungen nehmen deutlich zu, insbesondere die stark variierenden Östrogenspiegel. In dieser Phase treten häufig die intensivsten körperlichen, mentalen und emotionalen Beschwerden auf.
Postmenopause: Sie beginnt nach der Menopause und dauert mitunter bis ans Lebensende. Der Körper stellt sich schrittweise auf ein neues hormonelles Gleichgewicht ein. Für viele Frauen beruhigt sich das Hormonsystem mit der Zeit, Symptome nehmen ab und das körperliche wie seelische Wohlbefinden kann sich deutlich verbessern.

Die Wechseljahre beginnen deutlich früher als viele annehmen,
häufig schon ab Mitte 30.

Fachleute gehen davon auch, dass sich nicht nur der Körper, sondern vor allem auch die Psyche der Frau stark verändert?
Ja: Da hormonelle Prozesse zentral vom Gehirn aus gesteuert werden, wirken sich Veränderungen im Hormonsystem nicht nur körperlich, sondern auch mental und emotional aus. Stimmung, Stressverarbeitung, Schlaf, Konzentration und emotionale Stabilität sind eng mit hormonellen Vorgängen verknüpft. In dieser Lebensphase werden oftmals Stimmungsschwankungen, innere Unruhe oder depressive Verstimmungen vorschnell mit Stress oder äußeren Umständen erklärt. Dabei können hormonelle Ungleichgewichte eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Depressionen und beim erschwerten Umgang mit belastenden Lebenssituationen spielen. Dieser Zusammenhang wird in Diagnostik und Therapie leider noch immer zu oft übersehen. Viele Frauen berichten auch von Brain Fog, also Gehirnnebel, und befürchten eine frühzeitige Demenz. Wir dürfen verstehen, dass in dieser Zeit im Gehirn ein regelrechter Ausnahmezustand herrscht.

Die psychisch-emotionalen Veränderungen wirken sich auch auf das Umfeld der Frau aus?
Die aktuelle Forschung zeigt, dass die hormonellen Veränderungen in der Lebensmitte mit weit über 80, teils sogar über 100 unterschiedlichen Symptomen in Verbindung gebracht werden. Diese Symptome betreffen nicht nur die einzelne Frau, sondern wirken sich auf ihr gesamtes Leben aus: auf Partnerschaften, das Familienleben und den Berufsalltag Die Wechseljahre sind daher kein reines „Frauenthema“, sondern ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Besonders der Rückgang des Östrogenspiegels hat dabei weitreichende Auswirkungen. Östrogen macht Frauen nicht nur körperlich weich und rund, sondern beeinflusst auch emotionale Qualitäten wie Fürsorglichkeit, Geduld und Verständnis. Fehlt dieses Hormon, erleben viele Frauen tiefgreifende Veränderungen. Häufig entsteht das Gefühl, keine Kraft mehr für alle anderen zu haben – verbunden mit dem Wunsch, erstmals konsequent auf sich selbst zu achten. In Partnerschaften sorgt dieser Wandel nicht selten für Irritationen. Der Rückzug der Frau wird vom Partner mitunter als Liebesentzug erlebt. Nach Jahrzehnten des Kümmerns rückt nun das eigene Ich in den Mittelpunkt. Aktuelle österreichische Erhebungen zeigen deutlich, welche Auswirkungen Wechseljahresbeschwerden auf das Erwerbsleben haben: Rund 20 Prozent der betroffenen Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit, etwa 14 Prozent der Frauen über 55 denken über einen frühzeitigen Rückzug aus dem Berufsleben nach oder haben diesen bereits umgesetzt. Diese Zahlen verweisen nicht nur auf individuellen Leidensdruck, sondern auch auf einen klaren strukturellen Beratungs‑ und Unterstützungsbedarf.

Mit welchen Bedürfnissen und Wünschen kommen die Frauen zu Ihnen in das Coaching?
„Ich war belastbar – und plötzlich ist alles zu viel“, oder „Mein Körper macht sich bemerkbar – Bewegung fühlt sich nun anstrengend an.“ „Ich habe das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein.“ Solche Sätze höre ich in meiner Arbeit mit Frauen immer häufiger. Sie kommen mit Themen wie Erschöpfung, Reizbarkeit, Schlafproblemen oder dem nagenden Gefühl, den eigenen inneren Kompass verloren zu haben.
Ein großer Teil der Belastung betrifft auch den Körper: Viele Frauen berichten von einer ungewollten Gewichtszunahme, insbesondere von einer Zunahme im Bauchbereich, obwohl sich Ernährung und Bewegung kaum verändert haben. Auch Partnerschaft und Sexualität sind häufig Thema. Veränderte Bedürfnisse, körperliche Veränderungen oder neue Formen von Nähe und Intimität werden im Coaching erstmals offen besprochen. Was dabei auch häufig auftaucht, sind unerfüllte Träume und Wünsche, für die lange keine Zeit war – verbunden mit der Identitätsfrage und dem Ausblick, was die zweite Lebenshälfte nun bringen darf. Dieser Prozess des Neu‑Ausrichtens und bewussten Gestaltens ist ein sehr kraftvoller und berührender Teil meiner Arbeit, weil Frauen hier beginnen, sich selbst wieder ernst zu nehmen und ihr Leben aktiv neu zu entwerfen.

Ich wünsche mir für unseren Blick auf die Wechseljahre
einen neuen Look – modern, kraftvoll, gesund.

 

Welche Tipps haben Sie für Frauen, damit diese Lebensphase auch ohne Medikamente gut gelingt?
Ich bin überzeugt: Alles, was wir täglich konsumieren, wirkt auf unseren Körper – entweder belastend oder stärkend. Das gilt nicht nur für Nahrung, sondern ebenso für Medien, Gedanken, Arbeit, soziale Beziehungen oder Kosmetika. All das kann unsere Gesundheit fördern – oder ihr schaden. Für mich ist deshalb Balance der Schlüssel. Unser Körper kann mit Anspannung gut umgehen, wenn diese regelmäßig durch Entspannung ausgeglichen wird. Fehlt dieser Ausgleich langfristig, geraten wir in eine Überlastung – und schließlich ins Ausbrennen. Diese Balance braucht es in allen Lebensbereichen.
In meiner Arbeit greife ich bei Ernährung ebenso wie bei emotionalen Themen gerne auf die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zurück. Sie liefert uns nicht nur nachhaltiges Wissen darüber, welche Yin‑ und Yang‑Lebensmittel und Zubereitungsarten in bestimmten Lebensphasen besonders guttun, sondern führt über die Balance von Yin und Yang auch Körper, Gehirn und Herz wieder in Einklang.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie fordernd diese Zeit sein kann. Und doch gibt es viele Möglichkeiten, die eigene Lebensqualität deutlich zu verbessern. Was es dafür braucht, ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, hinzuschauen und aktiv zu werden. Dieser Schritt ist oft der Beginn einer sehr kraftvollen, selbstbestimmten zweiten Lebenshälfte.

Frauen haben auch Angst, dass sie sich in den Wechseljahren auf dem Abstellgleis wiederfinden. Was raten Sie Frauen, die sich in den Wechseljahren so fühlen?
Zunächst einmal möchte ich etwas klarstellen: Noch nie waren Frauen ab 50 so gesund, aktiv, attraktiv und erfolgreich wie heute. Die Wechseljahre sind eine Chance, das eigene Leben mit mehr Selbstbestimmung, Kraft und Klarheit neu zu gestalten. Jetzt sind wir dran. Warum sollten Frauen ausgerechnet am Höhepunkt ihrer beruflichen Erfahrung aufs Abstellgleis gestellt werden? Warum sollte es nach Jahrzehnten der Care‑Arbeit nicht auch persönlich noch einmal um uns gehen dürfen? Diese Fragen sind überfällig. Ich habe einmal einen Satz gelesen, der mich sehr berührt hat: ‘Die Schönheit einer Frau verblasst nicht mit dem Alter. Sie wird tiefer – und immer unverwechselbarer sie selbst.‘
Leider halten sich gesellschaftlich noch hartnäckige Bilder: das Narrativ, dass Frauen ab 45 oder 50 weniger begehrenswert oder beruflich gefragt seine, ist nach wie vor präsent. Ich wünsche mir für unseren Blick auf die Wechseljahre und auf das Älterwerden einen neuen Look – modern, kraftvoll, gesund. Weg vom Bild der erschöpften, unsichtbaren Frau, hin zu einer selbstbewussten, lebendigen Frau voller Erfahrung, Energie und Klarheit. Wechseljahre dürfen Power haben.
Diese Veränderung beginnt bei uns selbst: bei den Gedanken, die wir über uns haben, bei der Art, wie wir über uns sprechen, wie wir uns kleiden und wie wir unseren Platz in der Welt einnehmen. Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen: Alleine werden Frauen diese Bilder nicht nachhaltig verändern können. Es braucht Unterstützung quer durch alle Bereiche unserer Gesellschaft. Unsere Kinder beobachten uns genau. Und wir dürfen ihnen vorleben, dass wir nie zu alt sind, um einen Traum zu verwirklichen, einen beruflichen Weg neu einzuschlagen oder sich noch einmal zu verlieben. Da haben wir als Gesellschaft noch einiges zu tun.

In unserer heutigen Gesellschaft geht das Älter werden und Frau sein oftmals mit negativen Vorurteilen einher. Wie beurteilen Sie diese gesellschaftlichen Entwicklungen?
In einer von Jugendkultur geprägten Gesellschaft wird die Power von Frauen in den Wechseljahren oft übersehen. Leider gibt es nach wie vor zu wenige weibliche Vorbilder ab 50+, die sichtbar machen, welches Potenzial in dieser Lebensphase liegt. Aber es gibt sie, und wir werden immer mehr! Es ist höchste Zeit, dass diese Frauen mehr Anerkennung erfahren – als aktive Gestalterinnen einer emanzipierten, inklusiven und gleichberechtigten Gesellschaft.
TL

Evi Hellweger kommt nach Südtirol:

31.03.2026: Vortrag Wechseljahre: Museum Haus Wassermann, Niederdorf
24.-25.04.2026: 2 Tage Workshop: Mit Power durch die Wechseljahre, Haus der Familie, Ritten
14.11.2026: Workshop: Mitten im Wandel – Hormonelle Balance in den Wechseljahren, VHS,
St. Georgen