„Bäuerliche Archive in Tirol“

Innovative Anlage am Kniepass
15. Mai 2026
Kindgerechter Bereich in der Pfarrkirche
19. Juni 2026
Alle anzeigen

„Bäuerliche Archive in Tirol“

Südtirol/Tirol – Auf vielen bäuerlichen Anwesen finden sich noch Urkunden, Handschriften, Drucke und Fotografien. Diese kleinen Hofarchive sind wertvolle Quellen für die Lebens- und Wirtschaftsweise der ländlichen Bevölkerung und wurden im Buch „Bäuerliche Archive in Tirol“ aufgearbeitet.

In Band 54 der Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs zeigen elf Autorinnen und Autoren auf, wie vielfältig die Überlieferung sein kann und welche Bedeutung ihrer Dokumentation, Erforschung und Bewahrung zukommt. Die Herausgeber und Autoren Brigitte Strauß und Andreas Oberhofer führen im Interview in diese „Bäuerlichen Archive“ ein.

Vor kurzem ist das Buch „Bäuerliche Archive in Tirol. Perspektiven der Dokumentation, Erforschung und Erhaltung“ vorgestellt worden. Was versteht man unter einem Bäuerlichen Archiv?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Bäuerliche Archive können sehr unterschiedlich sein was den Inhalt, Umfang oder zeitlichen Schwerpunkt betrifft. Im Buch haben wir den Begriff ‘bäuerliche Archive‘ sehr weit gefasst. Wir zählen dazu die tatsächlichen Hofarchive, die Rechtsurkunden beinhalten, aber auch Sammlungen von allerlei anderem Schriftgut und auch Bildern (Familienfotos, Sterbebilder, Heiligenbilder), die sich im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten im privaten Besitz der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung angesammelt haben.

Brigitte Strauß

Andreas Oberhofer.

Wie wurden diese Archive ausfindig gemacht und wie viele Archive wurden für das Buch herangezogen?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: Es ist völlig unklar, wie viele bäuerliche Archive heute noch vor Ort vorhanden sind und in welchem Zustand sie sich befinden. Eine flächendeckende Bestandserhebung, auch nur für einzelne Bezirke, Talschaften, Gemeinden oder Dörfern steht bis heute aus. Das war aber auch nicht Ziel unseres Buches. Wir wollen vielmehr den Stand der Dinge festhalten, Möglichkeiten der Aufarbeitung aufzeigen und nicht zuletzt auf den Wert dieser Archive aufmerksam machen. Dabei war es uns besonders wichtig, auch über die Grenze, ins Bundesland Tirol und nach Vorarlberg zu schauen. Dort findet man spannende Beispiele, die zeigen, wie zumindest für einzelne Talschaften Haus-, Hof- und Familienarchive dokumentiert werden. Michael Kasper stellt das ‘Montafon Archiv‘ im Buch vor. Edith Hessenberger hat im Workshop, der der Publikation vorausging, das Beispiel des ‘Ötztaler Gedächtnisspeichers‘ präsentiert.
Die Frage, wie viele Archive für das Buch herangezogen wurden, lässt sich so nicht beantworten. Vielmehr haben sich die verschiedenen Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen Aspekten des Themas befasst. Einige, wie Siglinde Clementi, Margareth Lanzinger, Werner Pescosta und Ingrid Rittler beziehen sich in ihren Beiträgen ganz konkret auf je ein einzelnes Hofarchiv aus dem Vinschgau, dem Schlerngebiet, dem Gadertal sowie aus dem Tiroler Unterland. Andere wiederum, wie etwa Michael Span oder Janine Maegraith, vergleichen Dokumente aus mehreren Archiven miteinander.

Auf welchen Höfen/Anwesen/Museen wurden in Südtirol solche bäuerlichen Archive gefunden?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: In großen öffentlichen Archiven, wie etwa dem Landesarchiv in Bozen, werden ‘bäuerliche Archive‘ unter der Bezeichnung ‘Privatarchive‘ verwahrt. Einen Überblick darüber, was dort allen Interessierten zur Verfügung steht, liefert Philipp Tolloi im Buch.
Aber auch kleinere Institutionen (Archive, Museen und Bibliotheken) oder von Vereinen betriebene Sammlungen verwahren ‘bäuerliche Archive‘ als Schenkungen oder Leihgaben.
Wie vorhin schon gesagt: Für den privaten Bereich ist es schwierig Zahlen zu nennen, da ein Gesamtüberblick fehlt. Was wir sagen können ist, dass sich Archive sowohl auf kleineren Berghöfen als auch auf großen Höfen im Tal, aber auch in ehemaligen Adelssitzen finden. Es kann aber etwa angenommen werden, dass auf Gütern, die über Generationen hinweg innerhalb einer Familie vererbt wurden, auch die ‘Hausschriften‘ weitergegeben wurden und somit die Überlieferung zur Hof- und Familiengeschichte sorgfältiger verwahrt wurde als in anderen Höfen, deren Besitzer:innen öfters wechselten und mit den historischen Dokumenten, die sie nicht betrafen, wenig anzufangen wussten. In diesen archivgeschichtlichen Fragen steht die Forschung noch am Anfang, hier wird noch viel Pionierarbeit zu leisten sein.

Diesen, teils kleinen, historischen Beständen wurde lange Zeit keine Beachtung geschenkt. Warum hat die Wissenschaft den Wert dieser bäuerlichen Archive erst jetzt erkannt?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: Dass sie den Wert erst jetzt erkannt hat, kann man so nicht unbedingt sagen. Es ist einfach schwierig, an die Bestände heranzukommen, besonders wenn sie noch in Privatbesitz sind.
Wie wir bereits gesagt haben, es gibt keinen Gesamtüberblick. Zudem hat sich natürlich auch das Interesse der Forschung verändert. Alltagsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Sozialgeschichte des so genannten ‘einfachen Volkes‘ standen lange nicht im Mittelpunkt der historischen Forschung. Unser Interesse ist berufsbedingt geweckt worden: In unserem Arbeitsalltag sind wir immer wieder mit ‘bäuerlichen Archiven‘ befasst. Das hat uns dazu bewogen, eine Diskussion über das Thema anzuregen, auch und gerade weil es in der regionalen und internationalen Forschung überhaupt keine Rolle spielt. Es ist in der Geschichtswissenschaft immer spannend, Themen in Angriff zu nehmen, wo man quasi noch ins Blaue hineinforschen kann (und muss). 2021 fand unser Workshop, damals noch mit dem Titel ‘Bäuerliche Kleinarchive‘, statt und stieß auf reges Interesse. Um die damaligen Impulse, Ideen und Diskussionspunkte auch dauerhaft sichern zu können, haben wir die Publikation in Angriff genommen. Das Angebot, das Buch in der Reihe der ‘Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs‘ herauszubringen, war natürlich sehr hilfreich und willkommen, und das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv und dessen Direktor Gustav Pfeifer liegt nun vor.

Das Archiv eines Hofes in Mühlwald, dessen Dokumente von Anton Ebner transkribiert wurden; unter den Archivalien befinden sich auch viele Gemeindeschriften. Privatbesitz.

Wie bewahren die betroffenen Familien die Schriftstücke, Fotos, Dokumente usw. auf?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: Das kann sehr unterschiedlich sein. Oftmals findet man sie in Schachteln (den beliebten Schuhkartons) vor, aber auch in Mappen, Truhen oder Schränken. Sie sind in den meisten Fällen relativ klein und somit auch mobil und können leicht transportiert werden. Es kann aber auch sein, dass das ‘Archiv‘ als zusammengehörender Bestand noch gar nicht erkannt wurde, dass es lose verteilte Papiere, Pergamente, Drucksachen, Bilder und Bücher gibt, die erst noch zusammengesucht werden müssen. Eine Sammlung von Schriftgut in einem Hof ist keineswegs immer als kompaktes Bündel in einer Kiste verwahrt, sondern kann auch zufällig – dem Gebrauch im Alltag entsprechend – abgelegt sein.
In vielen Fällen ist leider davon auszugehen, dass frühere Archive bereits verloren gegangen sind, d.h. es gibt dann nur mehr Erzählungen über vormals Vorhandenes, das in irgendeiner Form entsorgt wurde, vielleicht im Ofen, vielleicht über die Müllabfuhr und vielleicht auch durch Händler von Altertümern.

Welche Informationen liefern die aufgearbeiteten Dokumente über die Wirtschaftsformen und Denkweise der damaligen ländlichen Bevölkerung?
Brigitte Strauß/Andreas Oberhofer: In erster Linie finden sich Rechtsdokumente, mit denen der Bewirtschafter eines Hofes (Baumann) seine Rechte an der Wirtschaftseinheit, aber auch an Teilen davon wie Wiesen, Wäldern, Weiden, Äckern, Wasserläufen und Durchgängen nachweisen konnte. Die oftmals vorhandenen Wappenbriefe hingegen ‘verbriefen‘ das Recht, ein verliehenes Wappen zu führen.
War ein Bauer auch Gemeindevorstand oder Kirchpropst, konnte er auch Gemeinde- oder Kirchenschriften bei sich zu Hause verwahren, die dann am Hof blieben und Teil des ‘bäuerlichen Archivs‘ wurden.
Schließlich finden sich – nicht in allen Fällen – auch Aufzeichnungen der Hofinhaber selbst über ihre Wirtschaftsführung, über Familienangelegenheiten, über ‘private‘ Dinge, die etwa in Briefen oder Tagebüchern geschildert wurden. Dazu gehören auch recht unscheinbare Aufzeichnungen, wenn etwa ein Bauer über die Zucht einer besonderen Rinder-, Pferde-, Schaf- oder Ziegenrasse Buch führte und dabei den Preis eingekaufter und verkaufter Tiere notierte, oder wenn Protokoll über die angebauten Getreide- oder Gemüsesorten geführt wurde. Diese Art von Quellen sind für verschiedene Zweige der Geschichtsforschung, etwa die Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte relevant, da sie Einblick in die Lebens- und Wirtschaftsweise am Hof und im Haus in vergangenen Zeiten erlauben.
Wenn etwa jemand das Wetter protokolliert hat, über Krankheiten von Tier und Menschen und deren Linderung geschrieben oder aber Kochrezepte gesammelt hat, wird es besonders interessant – Derartiges kann Auskunft geben über den Alltag von Menschen, die früher noch weit mehr als heute in Einklang mit der Natur lebten und leben mussten – ohne elektrischen Strom, ohne Maschinen und Traktoren, ohne ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem. Wenn es dann auch noch Fotos gibt, die uns die Menschen vor Augen führen, ist das oft besonders eindrücklich. Bereits die Sterbebilder, die häufig gesammelt wurden, sind anschauliche Quellen, die gerade in der Zeit um 1900 oftmals das einzige Foto zeigen, das es von einem Menschen gab bzw. gibt.

Was hat Sie an diesem Thema besonders fasziniert?
Andreas Oberhofer: Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema. Begonnen hat diese Auseinandersetzung bereits zu Zeiten meiner Diplomarbeit, als ich auf kleine Bestände von Urkunden in Privatbesitz aufmerksam wurde, die es ‘offiziell’ gar nicht gab. Weiter ging es mit meinen Forschungen über Andreas Hofer und dessen Sandhof im Passeier, in dem schon zu Lebzeiten des späteren Tiroler Landeshelden ein ‚bäuerliches Archiv‘ so wichtig war, dass es bei Inventarisierungen immer eigens erwähnt wurde. Diese Verwahrung von Schriftlichkeit im ländlich-bäuerlichen Milieu und speziell das eigene Schreiben von Menschen aus diesem Milieu hat mich in der Folge nicht mehr losgelassen, vor allem eben aus dem Grund, dass wir so wenig darüber wissen.
In letzter Zeit entstehen auch in Tirol zunehmend Forschungsarbeiten, die sich sozialen Schichten annähern, die man lange kaum beachtet hat. Bekannt ist etwa die verbreitete Annahme, dass Bauern und Bäuerinnen auch nach der Schulreform Maria Theresias kaum alphabetisiert gewesen seien und nur das nötigste gelesen und geschrieben hätten. Dieses Bild einer ruralen Gesellschaft mit ‘Handschlagqualität’, aber ohne Schriftlichkeit im Alpenraum ändert sich grundlegend. Für den einführenden Beitrag im Band konnte ich insofern auch aus der Erfahrung mehrerer (tatsächlich!) Jahrzehnte schöpfen, um eine Überblicksdarstellung über das komplexe Verhältnis zwischen Bauern (und Bäuerinnen) und Schrift, den aktuellen Stand und aktuelle Entwicklungen der Forschung und den Charakter ‘bäuerlicher Archive‘ an und für sich zu verfassen.

In ein Heft eingebundenes Dokument („Ungefähr im Jahr 1700“) mit Spuren einer behelfsmäßigen Restaurierung und Ergänzung von Fehlstellen. Stadtarchiv Bruneck.

Sie sind nicht nur Herausgeberin des Buches, sondern haben auch selbst einen wissenschaftlichen Beitrag für das Buch verfasst. Mit welchem Thema haben Sie sich beschäftigt?
Brigitte Strauß: In meinem Beitrag habe ich mich mit dem Grundschullehrer Anton Ebner aus Mühlen beschäftigt, der in den 1970er-Jahren als Heimatforscher tätig war. Ebner sichtete viele historische Dokumente und Urkunden in Bauernhäusern, schrieb diese ab und wertete sie nach bestem Wissen und Gewissen aus. Er dokumentierte durch seine ‘Feldforschung‘ den Bestand an ‘bäuerlichen Archiven‘ in Mühlwald und liefert uns dadurch eine Momentaufnahme aus der Mitte der 1970er-Jahre.
Die Publikation bot mir die Gelegenheit, am Beispiel Ebners zu zeigen, wie sich jemand außerhalb akademischer Institutionen durch großen persönlichen Einsatz Wissen aneignen konnte, wie seine Verwurzelung in der Region ihm Zugang zu Dokumenten verschaffte, die Forschenden an Universitäten oder Museen oft nicht ohne Weiteres offenstehen.
TL