

Bozen – Anlässlich des Franziskusjahres 2026 hat das Zentrum für Regionalgeschichte mit dem Franziskanerkloster Bozen eine Vortragsreihe zum Wirken von Franziskus von Assisi (1181/82–1226) organisiert. Wir haben mit dem Referenten Dr. Niklaus Kuster, Kapuzinerpater und Dozent für Spiritualität an der Universität Luzern über die Bedeutung von Franziskus und Klara von Assisi für die Gegenwart gesprochen.

Dr. Niklaus Kuster, Kapuzinerpater und Dozent für Spiritualität an der Universität Luzern.
Dr. Niklaus Kuster, Sie waren vor Kurzem in Südtirol, um im Rahmen einer Vortragsreihe zum Leben und Wirken von Franziskus und Klara von Assisi zu referieren. Was fasziniert Sie an diesen beiden Heiligen?
Niklaus Kuster: Papst Franziskus fasste das Faszinierende in einen einzigen Satz: Franz habe „in einer wunderbaren Harmonie mit Gott, mit den anderen Menschen, mit der Natur und mit sich selbst gelebt“ (LS 10). Pointierter gesagt: Gottesfreundschaft, Menschenliebe, Naturverbundenheit und eine gesunde Selbstsorge. Alle vier Formen der Liebe musste Franz lernen: Der Modeexperte war noch kein Naturfreund, sozial wenig sensibel und religiös unmusikalisch! Franz lernte erst in seinen letzten Jahren, sich sensibel Sorge zu tragen. Klara hingegen war schon als Jugendliche spirituell und sozial wach. Anders als die Brüder lebte sie ihre Nachfolge Jesu sesshaft in San Damiano. Die biblische Inspiration dazu finden Brüder und Schwestern auf derselben Seite des Lukasevangeliums. Das 10. Kapitel schildert, wie Jesus seine Jünger zu einer Friedensmission durch die Dörfer Galiläas sendet: schutzlos, mit freien Händen, vertrauensvoll. Im gleichen Kapitel kehrt der Rabbi mit seinem Kreis bei Marta und Maria in Betanien ein. Die beiden Schwestern tun in ihrem offenen Haus, was Gastfreundschaft auszeichnet: Marta ist tatkräftig für ihre Gäste da, Maria ganz da mit ihnen. Klaras Schwestern folgen diesem Vorbild – als Freundinnen Gottes kontemplativ und als Schwestern vieler Menschen aktiv.
Ihr Vortrag trug den Titel: „Lebenskunst mit Tiefe und Weite. Franziskus und Klara von Assisi“. Wie sind diese beiden Heiligen verbunden?
Moderne Filme schildern eine romantische Freundschaft. Tatsächlich trennte die beiden eine tiefe soziale Kluft, Jahre des Bürgerkriegs und 12 Jahre Altersunterschied, damals nahezu eine Generation. Die kleine Klara floh mit ihrer Familie ins Exil von Perugia und kehrte wohl erst gegen 1210 nach Assisi zurück. Da lebte Franz schon seit Jahren als Aussteiger unten in der Ebene. Klara verweigerte alle Eheprojekte, um „arm dem armen Christus zu folgen“. Franz wurde der ideale Verbündete für dieses Vorhaben. Er feierte mit Klara den Beginn ihrer Christusnachfolge, brachte sie vor dem empörten Clan im Nonnenkloster San Paolo in Sicherheit und begleitete sie dann zu Waldschwestern. Als sich ihr dort die ersten Gefährtinnen anschlossen, unterstützte Franz die junge Gemeinschaft, die sich in San Damiano niederließ. Wandernde Brüder und die sesshaften Schwestern spielten darauf eng zusammen. Franz drückt in seinen Liedern tiefe Bewunderung aus. Der Sonnengesang, der in San Damiano entstand, spiegelt das harmonische Zusammenspiel von Männlichem und Weiblichem. Klara wiederum hatte von Franz eine Vision, die ihn als mütterliche Gestalt zeigt.
Welche historischen Text- und Bildquellen von Franziskus und Klara von Assisi haben Sie für Ihre wissenschaftliche Aufarbeitung verwendet?
Die Franziskus-Quellen umfassen 1800 und die Klara-Quellen 1500 Seiten! Eine geschichtlich gewissenhafte Spurensuche muss die Qualität der schriftlichen Zeugnisse richtig einschätzen. Die beliebteste Quelle waren lange Zeit die Fioretti. Doch diese blumigen Erzählungen entstanden erst 160 Jahre später und sind weit weg von dem, was Franz lebte und tat. So endet etwa die Erzählung von der „wahren Freude“ in den Fioretti masochistisch: Freue dich, wenn du übel behandelt wirst! Die originale Version, die Bruder Leo aufschrieb, hat eine feine Pointe: Lass dich nicht fremdbestimmen vom aggressiven Tun anderer! Wahre deinen inneren Frieden und damit deine Handlungsfreiheit! Für Klara gilt ähnliches: Je später, desto klösterlicher wird ihr Leben geschildert. Die wertvollsten Quellen bleiben die echten Schriften der beiden, und die Berichte der Gefährtinnen und Gefährten. Auch ihr gemeinsamer Biograf, Thomas von Celano, ist inzwischen rehabilitiert.
Welche Charaktereigenschaften lassen sich Klara von Assisi durch historische Zeugnisse zuordnen?
Klara ist schon als Jugendliche sozial sensibel. Eingeschlossen im Turmhaus des Clans, sendet die Adelstochter eine erwachsene Freundin mit Essen vom eigenen Teller zu den Hungernden der Stadt? Ich erkläre mir ihr Verhalten mit offenen Augen im Gottesdienst des Bischofs. Der Sonntagsgottesdienst im Dom versammelte Adelige und Bürgerinnen, Arbeiter und Arme. Sie alle beteten im Vaterunser um das tägliche Brot. Der Schöpfer lässt genügend Nahrung wachsen. Dass es Hunger auf Erden gibt, liegt an der Habsucht der Menschen, die nicht teilen. Klara verbindet ihren Glauben an den Vater aller mit sozialer Solidarität. Das wird sie auch mit ihren Schwestern in San Damiano so praktizieren. „Lasst uns arm den armen Christus umarmen“, schreibt sie ihrer Freundin Agnes von Prag. Der „arme Christus“ spricht aus dem Evangelium, lässt sich in der Mystik umarmen und klopft in Bedürftigen aller Art an die Türe. Klara ist eine schwesterliche Frau, sieht die Welt als Wahlheimat des Gottessohnes und preist ihren Schöpfer auch noch im Sterben dafür, dass er „sie erschaffen hat“.
Welche Bedeutung hat das Wirken und Leben der Klara von Assisi für die Gegenwart?
Klara fasziniert als mutige Frau in der Kirche. Papst Alexander, der als Kardinal Klara während Jahrzehnten erlebte, bewundert sie dafür, dass sie seinem Vorgänger „auf unerschrockene Weise“ ins Angesicht widerstand. Er nennt sie eine „neue Frau“ und eine „starke Frau“. Im Kern von Klaras Regel steht ein Zitat von Franz, der diese Stärke zum Ausdruck bringt: „Ihr Schwestern seid Töchter des himmlischen Vaters, Freudinnen des Heiligen Geistes und Jüngerinnen Jesu, die das Evangelium beherzt leben“! Freie Töchter Gottes, die Gott und keiner anderen Autorität dienen, die sich von der Geistkraft leiten lassen und Christus radikal folgen. Klara hält sich als Mystikerin das ganze Leben Jesu vor Augen, von der Geburt bis zur Auferstehung, und sie freut sich darauf, am Ziel ihres Weges von Christus in den himmlischen Weinkeller geführt zu werden! Freude, schwesterliche Menschenliebe und mystische Glückseligkeit kennzeichnen ihren Glauben und ihr Leben. Damit spricht sie eine starke Botschaft in eine Kirche, die sich oft um sich selber dreht und öfter auch Glaubensfreude vermissen lässt.
Franziskus wählte ein Leben in Armut und kritisierte zeitlebens Besitz- und Machtstrukturen! Welche Botschaften des Heiligen könnten für die aktuelle Weltwirtschaft gelten?
Armut bedeutete für Franz sozial Solidarität mit den Ärmsten, persönlich ein Freiwerden von allem, was einengt, und religiös ein „Leben in den Fußspuren“ Jesu. In der sozialen Dimension protestiert Franz als Aussteiger gegen ein wirtschaftliches System, das die Gesellschaft zerreißt: Besitzende werden immer reicher, Arbeitende und Arbeitslose kämpfen um ihre Existenz. Die einen leben im Überfluss, andere geraten an den Rand. Was Franz um 1200 in seiner Stadt erlebt, ist in der neoliberalen Wirtschaftsordnung heute eine weltweite Realität. Franz lenkte den Blick der Privilegierten auf die Opfer dieses Systems und verband dies mit einer religiösen Botschaft: Wenn Gott der Vater aller Menschen ist, dann kann niemand Gott gefallen, der achtlos an Menschen vorbeigeht oder untätig auf die Nöte der Welt blickt. Papst Franziskus hat den Ernst dieser Botschaft in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ für heute durchbuchstabiert. „Geschwisterlichkeit aller Menschen“ verdeutlicht in „Fratelli tutti“ die einschneidenden Konsequenzen für Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, und die eigene Lebenswelt.

Millionen von Menschen pilgern jährlich nach Assisi, wo sich die Grabstätten des heiligen Franziskus und der heiligen Klara befinden.

Eines der bekanntesten Gebete von Franziskus ist das Loblied der Geschöpfe “Cantico delle Creature“. Welche Anschauungen hatte Franziskus im Hinblick auf die Natur?
Nach seinem Bruch mit Assisi erlebt Franz obdachlos das Wetter, die Jahreszeiten und die Natur in seinem Wanderleben hautnah. Der Sonnengesang besingt den Schöpfer für alle Geschöpfe, speziell für sieben Arten: Sonne, Mond und Sterne stehen als Dreizahl für den Kosmos, die Rhythmen von Tag, Nacht, Monaten, Jahren, und sie verweisen auf Gott: lichtvoll, schön und ewig! Luft, Wasser, Feuer und Erde sind die vier Urelemente, aus denen die irdische Welt besteht. Sieben steht die Symbolzahl für das Schöpfungswerk: Die Welt ist nicht Tränental, wie es etwa im Salve Regina heißt. Sie ist Gottes Werk, von ihm geschaffen und bejaht. Indem Franz zwei Strophen über den Menschen und über Schwester Tod hinzufügt, sieht er in gelebter Liebe die schönste Stimme im Chor der Geschöpfe und in der Vergänglichkeit kein Drama: Der Tod „ist die Pforte des Lebens“. Das Schöpfungslied umfasst in der Endversion 33 Verse: eine feine Erinnerung an die Lebensjahre Jesu. Sein Leben in dieser Welt öffnet in der Auferstehung die Pforte ins ewige Leben und in Gottes großer Gemeinschaft. Das Lied ist ein poetisches Credo!

Es gibt heute weltweit Gruppen von Menschen, die sich von unserem gesellschaftlichen System abwenden – sozusagen ‘aussteigen‘ wollen. Würde Franziskus heute leben, wäre er dann auch einer dieser Aussteiger?
Franz stieg aus einer Zunft aus, in der die Kaufleute als erste Banker ein sozial unsensibles Leben führten. Sein Aussteigen bedeutete einen Seitenwechsel, ein neues Einsteigen und ein Leben an der Seite der Ärmsten. Und Franz wurde in der Nachfolge Jesu zum Brückenbauer: lokal in einer polaristierten Gesellschaft, zwischen zerstrittenen Parteien, zwischen Stadt und Land, regional zwischen verfeindeten Städten, europäisch zwischen den verschiedenen Kulturen, und im Fünften Kreuzzug auch zwischen den Religionen. Der mutige Brückenbau in Ägypten führte Jahrhunderte später dazu, dass sich die Religionen seit 1986 in Assisi treffen, um gemeinsam für eine friedlichere, gerechtere und menschlichere Welt einzustehen. Das nächste große Friedenstreffen findet diesen Herbst Ende Oktober statt. Wenn heutige Aussteiger solidarisch werden und für Frieden einstehen, haben sie Franz an ihrer Seite. Wenn sie sich gesellschaftlich absondern und in eine eigene kleine Sonderwelt einrichten, hat das nichts Franziskanisches an sich. Franz entdeckt durch sein Aussteigen zudem „Christus auf Augenhöhe“ und „folgt seinen Fußspuren“. Sein Vorbild ist Jesus, der aus seinem Leben in Nazaret ausstieg, um leidenschaftlich für eine menschlichere Welt einzustehen.
TL