

Ikonen entstammen der frühchristlichen Kunst und werden oft als Fenster zur göttlichen Sphäre beschrieben. Eine, die die Kunst des Ikonenschreibens für sich entdeckt hat, ist Schwester Maria Francesca Hofer. Die Provinzvikarin im Mutterhaus der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Brixen führt uns im Interview in diese spirituelle Kunst des Ikonenschreibens ein.
Schwester Hofer, Sie sind seit vielen Jahren in der Kunst des Ikonenschreibens bewandert. Können Sie uns erklären, was Ikonen sind?
Schwester Maria Francesca: Ikonen sind Abbilder von Jesus Christus, der Gottesmutter oder von Szenen aus dem Leben der Heiligen. Sie sind Fenster zur himmlischen Wirklichkeit. Es wird nicht das Bild verehrt, sondern der Dargestellte. Ikonen tragen dazu bei, die Gegenwart Gottes zu erfahren. Zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten entwickelt sich eine Beziehung, es findest ein Austausch statt. Das kann so beschrieben werden, wie bei einem Gebet: man betet zu einem Heiligen! Es entsteht eine Beziehung zwischen dem Betenden und dem Angerufenen: Der Betende hat Erwartungen, die auf ein Gegenüber treffen. So wie auch der Betrachter eine Bitte hat, die auf den dargestellten Heiligen trifft. Das Bild wird lebendig, weil es aufgrund dieser Beziehung überhaupt erst entstanden ist.
Es handelt sich bei Ikonen um Bilder, warum werden Ikonen geschrieben und nicht gemalt?
Die Ikone ist mehr als ein Bild, es ist das Urbild; das göttliche Wort im Bild beschrieben. Der Heilige wird, von bereits bestehenden Vorlagen von Ikonen, nicht nur gemalt, es wird sein Wesen beschrieben, seine Mission wird zum Ausdruck gebracht. Im Zitat von Wjatscheslav Ivanow, einem russischen Dichter und Autor, wird diese Mission schön beschrieben: ‘Glaub nicht, der Himmel habe der Erde sich entrückt. Es führen heilige Pfade ins Jenseits und zurück.‘ Hier kommt zum Ausdruck, wie nahe uns der Himmel ist und wo wir die Verbindung finden können. Ikonen sind Fenster in die Ewigkeit. Sie sind geschriebenes Wort in Bild und möchten, wie das Evangelium im Wort, der Frohen Botschaft im Bild Ausdruck verleihen, darum spricht man von „Ikonenschreiben“. Eine Ikone schreibt sich erst durch die Hand des Ikonenmalers, der Ikonenmalerin. In Gebet und Kontemplation wird jeder Arbeitsvorgang begleitet und sorgsam ausgeführt. Stillschweigen ist deshalb ein wertvoller und wichtiger Bestandteil.

„Das nicht von Menschenhand gemalte Bild“;
Abdruck Jesu in ein Tuch.

Krippendarstellung von
Franz von Assisi.

Detail „Gottesmutter Hodegitria“ Spätbyzantinisch 16. Jahrhundert.
Woher kommt die Kunst des Ikonenschreibens?
Ikonen haben ihren Ursprung in der frühchristlichen Kunst, insbesondere im byzantinischen Reich ab dem 5./6. Jahrhundert. Sie entstanden als heilige Andachtsbilder, beeinflusst von ägyptischen Mumienporträts und römischer Malerei. Die Ikonenmalerei entwickelte sich zur Darstellung von Jesus, Maria und Heiligen, oft als Fenster zur göttlichen Sphäre, und etablierte sich stark in der orthodoxen Kirche.
Gibt es Unterschiede zwischen Ikonen des Ostens und des Westens?
Die Unterschiede liegen in der künstlerischen Ausführung der Ikone: Westliche Ikonen erscheinen viel pompöser in der Darstellung, als jene der orthodoxen Kirche. Bei den Ikonen des Westens spielt der Künstler auch eine bedeutende Rolle, diese ist in östlichen Ikonen völlig zurückgenommen. Zudem sind orthodoxe Ikonen viel einfacher gestaltet, sie konzentrieren sich nicht auf Nebensächlichkeiten, sondern das Bild lebt von ihrer sakralen Bedeutung.
Wie sind Sie zu dieser Kunst gekommen?
Mein damaliger Exerzitienleiter, Prof. Gunther Janda, hat gemeint, dass es eine Möglichkeit in der Spiritualität gäbe, wobei man auch mit den Händen beten könne. Er begleitete Ikonenschreibkurse mit Sr. Irmlinde Lang, und so hat er mich schlichtweg zum nächsten Kurs angemeldet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die Furcht in mir zu überwinden, an eine solch hohe Kunst heranzutreten, überwältigte mich der innere und äußere Austausch zwischen der Ikone und mir. Das war 2011. Und seither ist es zu einer wahren Begeisterung geworden.

Osterkerze mit Christus Ikone. Bei der Osternachtsfeier wird sie am Osterfeuer entzündet.
Was begeistert Sie daran besonders?
Ich kann es nur so beschreiben, dass mir richtig warm ums Herz wird, wenn ich mich daran mache eine Ikone zu schreiben. In mir ist in diesem Moment die Gewissheit da, das einzig Richtige zu tun, das getan werden muss. Es ist wie eine Bestimmung, die sich mir zeigt und der ich folge. Die Beziehung, die sich während des künstlerischen Prozesses zwischen mir und der Heiligendarstellung aufbaut – wie diese Figur sprichwörtlich aus diesem Brett herauswächst – ist einfach überwältigend. Es ist ein gemeinsames Schaffen zwischen mir und dem Heiligen, der zum Vorschein treten möchte.
Welche Darstellungen finden wir bei Ikonen?
Wir finden Jesus Christus und die Mutter Gottes, Heiligenportraits, Bibeldarstellungen, Lebensbilder von Heiligen…
Welche Heiligen haben Sie bis jetzt dargestellt und welche würden Sie noch gerne darstellen?
Mittlerweile sind es bestimmt über 50 Ikonen, die ich geschrieben habe. Mit dabei sind sehr viele Christusdarstellungen, die Heilige Magdalena, der Heilige Franziskus, die Bibelstelle: Elia, ‘iss und trink, sonst wird der Weg zu weit für dich‘, die Erzengel Michael und Gabriel, Christus Pantokrator, der Engel mit dem goldenen Haar, ein Schutzengel, Maria Verkündigung u. a.. Was mich noch reizt, wäre Maria Verkündigung und eine Weihnachtsdarstellung also eine Krippendarstellung zu schreiben.

Ein Engel schreibt die Taten seines Schützlings auf und bringt sie vor Gott.
Wie wählen Sie diese Darstellungen aus?
Meistens gehe ich ins Internet und lasse mich von der nächsten Ikone finden, oder blättere solange in meinen Büchern, bis sie mich anspricht.
Sie halten auch Kurse zum Ikonenschreiben. Welche Fähigkeiten sind nötig, um diese Kunst zu erlernen?
Ich sage immer, dass es dem Mandala ähnlich ist. Wir haben eine Vorlage, nach der wir uns richten und wir haben einen Farbkanon, an den wir uns halten müssen. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man geschickte, ruhige Hände hat und ein gutes Auge in Bezug auf Proportionen und Farbkombinationen. Beim Schreiben von Ikonen gibt es auch einige Regeln, die ich meinen Kursteilnehmern und Kursteilnehmerinnen auftrage. Der Schreiber einer Ikone beginnt zum Beispiel sein Werk stets mit Besinnung, Stille und Gebet. Der Ikonenmaler, die Ikonenmalerin muss ein gläubiger Christ, eine gläubige Christin sein: friedlich, demütig, kein Schwätzer noch Spaßmacher noch streitsüchtig oder gehässig. Es soll mit dem Kreuzzeichen, einem Gebet im Stillen begonnen werden und sorgfältig jedes Detail gemalt werden, als ob der Herr stets gegenwärtig sei. Während der Arbeit wird zur körperlichen und seelischen Stärkung immer wieder gebetet. Die Farbwahl erfolgt durch den inneren Austausch mit der Ikone selbst. Am Schluss wird noch für die fertige Ikone gedankt, sie gesegnet und vor ihr gebetet. Während des gesamten Schreib-Prozesses soll nicht die Freude vergessen werden: Ikonen weiterzugeben und schreiben zu dürfen, dem Heiligen die Möglichkeit zu geben, durch seine Ikone scheinen zu können, mit dem Heiligen verbunden zu sein, dessen Ikone du schreibst. Der Farbkanon wird von der orthodoxen Kirche vorgeschrieben: Christus trägt zum Beispiel immer ein dunkelrotes Untergewand mit goldenem Würdestreifen, darüber liegt ein dunkelblaues bis grünliches Obergewand. Die Mutter Gottes trägt ein dunkelblaues Untergewand mit Goldborten an Hals und Ärmeln, darüber ein dunkelrotes Tuch, das Kopf und Schultern bedeckt und dessen Saum mit einer Goldborte eingefasst ist. Drei goldene Sterne auf Kopf und Schultern bezeichnen ihre Jungfräulichkeit. Sie trägt scharlachrote Schuhe. So verhält es sich auch mit den anderen Farben: Jeder Heilige oder Engel ist an seinen Farben zu erkennen. Als Symbol für die Ewigkeit und Transzendenz wird Gold – Blattgold – verwendet. Die Farbe Blau ist dem Gold ebenbürtig und deutet auf göttliche Herkunft hin, da diese Farbe sehr schwierig zu besorgen und sehr teuer war. Ikonen können in verschiedenen Techniken hergestellt werden, ich bevorzuge die Enkaustik (Wachstechnik).
Was ist beim Ikonenschreiben die größte Herausforderung?
Das ‘Sich bewusst machen‘, dass es nicht nur eine Arbeit ist; das Bild beginnt zu leben; der Heilige will in diese Welt herein! Das Zulassen dieser Wechselbeziehung zwischen der Ikone und sich selber, das ist die größte Hürde, dann gilt es nur noch an der Beziehung zu arbeiten!

Beim Schreiben von Ikonen gibt es klare Regeln für die Teilnehmenden.
Können Sie uns an so eine Wechselbeziehung, die zwischen Ihnen und einem Heiligen während des Ikonenschreibens entstanden ist, teilhaben lassen?
Mit der Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow hatte ich ein besonderes Erlebnis: beim Schreiben dieser Ikone wollte ich die richtige Farbe für das durchscheinende Gewandt des Heiligen Geistes finden, aber dieses Vorhaben wurde für mich zu einem unmöglichen Unterfangen: In mir hat sich ein innerer Konflikt aufgebaut, den ich als unüberwindbar empfand. Ich haderte und zweifelte bei der Farbwahl und wurde einfach nicht fündig, bis ich um die Hilfe des Heiligen Geistes selbst bat! Ich bat um Führung, das Zaudern verschwand und ich habe schließlich die richtige Farbe gefunden.
Welche Materialien werden bei der Herstellung einer Ikone verwendet?
Das Brett, auf dem gemalt wird, ist eine MDF-Holzplatte. Die Farben sind hochwertige Wachsstifte, die mit Hilfe eines Föhns in das Brett eingearbeitet werden.
Haben Sie Vorbilder im Ikonenschreiben?
Sr. Irmlinde Lang, Kreuzschwester aus Linz, ist meine Meisterin, der ich alles zu verdanken habe und die mich immer noch berät und mir praktische Tipps gibt. Ich schicke ihr Fotos von meinen Ikonen und sie begleitet mich in meinem Schaffen.
Im Exerzitienhaus HohenEichen in Dresden haben Sie vor kurzem einen Ikonenkurs geleitet. Welche Erfahrungen begegnen Ihnen bei solchen Kunstveranstaltungen?
Das Exerzitienhaus HohenEichen ist ein bekannter und sehr guter Ort, an dem man sich zurückziehen kann. Der Kurs findet vorwiegend im Schweigen statt, doch für die Teilnehmer:innen scheint dies überhaupt kein Problem zu sein. Es gab schon Fälle, wo Teilnehmer:innen daran erinnert werden mussten, dass es kein Urlaub ist. Aber im Großen und Ganzen verstehen alle die tiefe Bedeutung eines solchen Kurses.
Sind Ihre Ikonen im Mutterhaus der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Brixen ausgestellt?
Die eine und andere Ikone kommt themenbezogen auf einem dafür vorgesehen Ort zur Kapelle hin, manche sind fix angebracht oder stehen auf eigenen Staffelleien.
Gibt es eine Ikone, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
La Vergine Maria Panagia del Silenzio – die schweigende Jungfrau Maria. Mich fasziniert dieses Schweigen, dieses Innehalten, dieses alles hinter sich lassen…
Jedoch liegt mir jede Ikone am Herzen, die ich schreiben durfte, sie sind alle ein Teil von mir, ich habe mit ihnen gearbeitet, diskutiert, gezaudert und auch den Himmel erahnt.
TL