

Dietenheim – Das Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde feiert im August 2026 sein 50-jähriges Bestehen. Was von wenigen Kulturpionieren in der Nachkriegszeit initiiert wurde ist heute
ein Museum, das mit der Zeit geht. Die Direktorin Alexandra Untersulzner lässt anlässlich des Jubiläums die Geschichte des Volkskundemuseums Revue passieren.
Frau Untersulzner, das Volkskundemuseum in Dietenheim wurde 1976 gegründet und war das erste Landesmuseum in Südtirol. Wie hat damals alles angefangen?
Direktorin Alexandra Untersulzner: Mit dem zweiten Autonomiestatut im Jahre 1972 hat das Land Südtirol neue Kompetenzen erhalten unter anderem in der Denkmalpflege und so konnten Museen mit ‘provinzialem Charakter‘ gegründet werden. Zu dieser Zeit hat es in Südtirol nur wenige Museen gegeben, ein Beispiel dafür ist das Südtiroler Weinmuseum, das in den 50er-Jahren, – allerdings von einem privaten Verein – gegründet wurde. Dass das Volkskundemuseum als erstes Landesmuseum gegründet wurde, war eine logische Folge des damaligen gesellschaftlichen Lebens. In dieser Zeit hatte der riesige technische Umbruch in der Landwirtschaft auch unsere Berggebiete erreicht und viele Gerätschaften wurden von den Bauern nicht mehr benutzt. So kam der Gedanke, diese Arbeitsgeräte für die Nachwelt zu bewahren. Anton Zelger, damaliger Kulturassessor und der spätere langjährige Direktor des Volkskundemuseums Hans Grießmair, waren unter jenen Pionieren, die die Gründung eines landwirtschaftlichen Museums für Südtirol vorantrieben. Nach einer langwierigen Suche für einen geeigneten Standort entschied man sich für den barocken Ansitz Mair am Hof in Dietenheim, in dem die Land- und Hauswirtschaftsschule untergebracht war, da für die Schüler:innen ein neues Schulhaus geplant wurde. Schließlich wurde am 16. August 1976 das Volkskundemuseum in Dietenheim per Landesgesetz gegründet. Es folgten dann weitere Landesmuseen, wie die Bergbaumuseen, das Archäologiemuseum und das Naturmuseum.

Die Ausstellungsmacherinnen Barbara Stocker und Irene Sapelza (v.l.).
1980 hat das Museum seine Tore geöffnet. Was gehörte damals bereits zum Bestand des Volkskundemuseums?
Die offizielle Eröffnung des Volkskundemuseums erfolgte erst 1988, aber 1980 hat es eine Pressekonferenz gegeben und ab Oktober 1980 konnten die Menschen das Museum besuchen. 1977 wurde das erste Bauernhaus vom ursprünglichen Standort abgebaut und in Dietenheim wieder aufgebaut – das war der ‘Höfeler‘, ein Hof aus Mühlwald. Ansonsten standen zu dieser Zeit noch der Kornkasten, die Mühlen, die Säge, die Stampfe, der Backofen, die Schmiede und die ersten zwei, drei Bauernhäuser auf dem Gelände. Jahr für Jahr sind dann andere Gebäude und Kleindenkmäler dazugekommen, Schwerpunkt bei den translozierten Gebäuden (abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut) ist das Pustertal und das Ahrntal, ansonsten haben wir noch einen Hof aus dem Sarntal und einen aus Ridnaun. 1985 wurde der barocke Ansitz Mair am Hof und das dazugehörige Wirtschaftsgebäude in das bereits bestehende Museum integriert. Bis 2003 wurden auf einer Wiese mit drei Hektar zwei Dutzend alte Bauwerke errichtet. Der langjährige Direktor des Volkskundemuseums Hans Grießmair hat von Beginn an eine sozialgeschichtliche Ausrichtung des Museums verfolgt, die auf die unterschiedlichen Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsweisen von Landadel, Bauern, Kleinhäusler und Handwerker eingeht.
Welche besonderen Begebenheiten haben sich während dieser 50 Jahre zugetragen?
Aus Erzählungen kenne ich die Ereignisse vom verheerenden Brand, der im Dezember 1982 zwei Gebäude vollständig zerstört hat. Ein strohgedeckter Stadel und ein Wohnhaus aus dem Gadertal gingen in Flammen auf. Das waren natürlich große Verluste, finanziell als auch emotional. Man hat versucht einen Ersatz für den Strohstadel und das Wohnhaus zu bekommen, das auch gelungen ist. Unsere Jubiläumsausstellung zeigt einige Fotos aus dieser Zeit. Natürlich gibt es auch viele positive Begebenheiten, wie zum Beispiel der Tag der Volksmusik, der alle zwei Jahre im September stattfindet. Zudem konnten in diesen 50 Jahren Forschungsprojekte und Sonderausstellungen organisiert werden. Nennenswert wäre hier das Projekt zur ‘Pustertaler Gefäßkeramik‘, bei dem ein umfangreicher Katalog zu den Gefäßformen entstanden ist. Dann das Forschungsprojekt zum ‘Saltner‘ – dem Weinberghüter und jenes zu den Strohdächern, zu dem aktuell noch geforscht wird.
Was hat sich seit den Anfängen bis heute wesentlich verändert?

Das Wohnhaus des Hofes Höfler aus Mühlwald wird im Museum aufgebaut (1982).
Es hat sich sehr viel wesentlich verändert! Etwas, mit dem ein Museum steht und fällt sind die Mitarbeiter:innen und da geht es uns nicht anders, als anderen Arbeitgebern in Südtirol: wir sind ständig auf der Suche nach qualifiziertem Personal, das in einem saisonalen Betrieb arbeiten möchte. Dazu kommt, dass die Pflege und Handhabe der Gebäude und Gerätschaften, wie wir sie hier vorfinden, auch ein Wissen voraussetzt, das heute vielfach nicht mehr vorhanden ist. Eine große Veränderung, die uns ebenfalls vor neue Herausforderungen stellt, ist das Klima. Holzschädlinge müssen in Schach gehalten und Sturmschäden laufend repariert werden. Auch die Bürokratie ist eine zunehmende Hürde. Was sich auch noch geändert hat sind die Besucher:innen, die mit ganz anderen Erwartungen in ein Museum kommen als früher. Die Museumsarbeit ist durch die Digitalisierung in vielen Bereichen einfacher geworden und das Sammeln von Objekten ist heute nicht mehr nur auf einen reinen Sammelgedanken ausgerichtet, sondern wir stellen uns die Frage, ob zukünftige Generationen diese Objekte auch noch fachgerecht erhalten können.
Das Jubiläumsjahr wurde mit der Bilderausstellung „Gerahmte Erinnerungen. 50 Jahre Museumsgeschichte“ eröffnet. Was soll die Ausstellung vermitteln?
Mit der Bilderausstellung haben wir versucht von den Anfängen bis heute eine Wanderung durch die Museumsgeschichte zu kreieren. Die ausgestellten Fotos geben Einblick in die Entstehung des Freilichtmuseums, wie zum Beispiel die Bauernhäuser ab- und aufgebaut wurden. Die 27 Bildtafeln, die auf das gesamte Museumsgelände verteilt sind, zeigen ebenso die Entwicklung und die vielfältigen Aufgabenbereiche des Museums. Zudem soll die Ausstellung auch ein Dank sein, an jene Personen, die im Laufe der Jahrzehnte mitgewirkt haben, dass das Museum zu dem geworden ist, was es heute ist. Die Ausstellung ist bis zum 8. November 2026 zu sehen und wir freuen uns auf zahlreiche Besucher:innen.
Das Freigelände gehört zur Dauerausstellung des Museums. Was kann hier alles entdeckt werden?
Wir haben hier an die 40 Gebäude und Kleindenkmäler. Das Freigelände ist aber nicht nur ein Ort des Schauens und Staunens, sondern auch ein Ort des Verweilens und Innehaltens. Die Bauerngärten, der Teich, die Blumenwiese vor dem Bienenhaus werden von den Besucher:innen sehr geschätzt. In Zusammenarbeit mit Landwirten aus der Umgebung können wir auch jährlich im Sommer Haustiere halten, zur besonderen Freude von Familien mit Kindern.

Das Foto zeigt die Brandstelle des Stadels des Ursch-Hofes aus Schlaneid,
der im Dezember 1982 abgebrannt ist.
Ein Freilichtmuseum braucht eine besondere Pflege und Instandhaltung. Welche Arbeiten fallen auf so einem Gelände mit alten Gebäuden an?
Es gibt Arbeiten, die auf den ersten Blick gar nicht ersichtlich sind, so wie zum Beispiel die vorgeschriebenen Wartungen, die bei einem Areal dieser Größenordnung und dieses Alters sehr aufwändig sind. Auch die Pflege und Erhaltung unserer Dachflächen ist sehr arbeits- und kostenintensiv. So zum Beispiel die Strohdächer, wo auf einer Fläche von 220 Quadratmetern das geeignete Stroh erst angebaut und händisch verarbeitet werden muss. Dann benötigt es noch Fachkräfte, die diese alten Dächer eindecken können. Ebenso aufwändig ist die Geländepflege: die Gärten, die Felder und nicht zu vergessen die Haustiere.
Was sind heute die Ziele des Volkskundemuseums?
Ich habe es bereits erwähnt, die Mitarbeiter:innen liegen mir sehr am Herzen und wie in jedem Betrieb sind sie es, die den Betrieb am Leben erhalten. Langfristig sehe ich es deshalb als Ziel, Menschen zu beschäftigen, die Freude an ihrer Arbeit haben, ihre Erfahrung nach außen tragen und die Besucher:innen für unsere Arbeit begeistern. Für die Museumsarbeit ist wichtig, die Museumsstandards zu halten, um für die Besucher:innen attraktiv zu bleiben.
Sie sind seit 2004 Direktorin im Volkskundemuseum. Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit besonders?
Auch wenn ich oft in Bürokratie und Verwaltung versinke, liebe ich es mit Menschen in Verbindung zu sein, so zum Beispiel bei der Beantwortung von wissenschaftlichen Anfragen zu unterschiedlichen volkskundlichen und kulturhistorischen Themen oder wenn ich auf dem Museumsgelände angesprochen werde und sich daraus eine interessante Unterhaltung entwickelt.
TL

Das Museumsgelände umfasst vier Hektar. Nicht nur die Instandhaltung der historischen Gebäude ist sehr aufwendig, sondern auch die Pflege der Gärten, Felder sowie der Haustiere ist sehr arbeitsintensiv.
Es gibt derzeit keine bevorstehenden Veranstaltungen.