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Bauliches Gedächtnis

Südtirol / Ahrntal –  Der renommierte Kunsthistoriker und ehemalige Landeskonservator Helmut Stampfer hat mit seiner Buchreihe „Bauernhöfe in Südtirol“ ein bleibendes Denkmal für die bäuerliche Baukultur unseres Landes gesetzt. Seine jüngste Veröffentlichung rückt die Bauernhöfe von Mühlen in Taufers bis Prettau in den Fokus.

Die historischen Bauernhöfe Südtirols sind weit mehr als nur alte Gebäude aus Stein und Holz. Sie sind das Fundament der alpinen Kulturlandschaft und spiegeln die jahrhundertealte Lebens- und Arbeitsweise der bäuerlichen Bevölkerung wider.
Doch der Zahn der Zeit, Modernisierungen und der Strukturwandel in der Landwirtschaft bedrohen diese architektonischen Schätze. Der Herausgeber Helmut Stampfer widmet sich auch in seinem neuesten Prachtband der monumentalen Reihe „Bauernhöfe in Südtirol“ der umfassenden Dokumentation dieses kulturellen Erbes. Erschienen ist das gigantische, fast 900 Seiten starke Werk im Athesia-Tappeiner Verlag in enger Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt Bozen. Im Fokus dieser jüngsten Veröffentlichung – dem bereits 12. Band –
stehen die geschichtsträchtigen Bauernhöfe des Tauferer Ahrntals – von Mühlen in Taufers bis Prettau.

Ein historischer Schatz und seine schwierige Bergung
Das Fundament dieser Buchreihe bildet ein extrem sensibles, teils schmerzhaftes Kapitel der Südtiroler Zeitgeschichte. Während des Zweiten Weltkrieges – im Zuge der sogenannten „Option“ und der geplanten Umsiedlung der Südtiroler Bevölkerung in das Deutsche Reich – erfassten Fachleute die Kulturgüter und die ländliche Baukultur des Landes systematisch. Das Ziel war eine lückenlose Inventarisierung dessen, was man zurücklassen musste. Nach dem Krieg wurde dieses wertvolle Material jedoch in alle Winde zerstreut. Die größte Herausforderung für Helmut Stampfer bestand darin, diese historischen Bestandsaufnahmen, alten Fotografien, Detailpläne und handschriftlichen Beschreibungen aufzuspüren und wieder zusammenzuführen. Erst durch unermüdliche Forschungsarbeit, die bereits um 1980 am Denkmalamt in Bozen ihren Anfang nahm, gelang es, das fragmentierte Puzzle der Vergangenheit so vollständig als möglich zusammenzusetzen. Das Ergebnis ist eine detailreiche Dokumentation, die dem Leser intime Einblicke in die traditionelle bäuerliche Wohnkultur, die alpine Architektur und die historische Raumaufteilung gewährt.

Interview mit dem Autor

Herr Helmut Stampfer, auch das Fundament dieses 12. Bandes der Reihe “Bauernhöfe in Südtirol” basiert auf den Inventarisierungen während der Optionszeit im Zweiten Weltkrieg. Wie emotional und wissenschaftlich herausfordernd war es für Sie, dieses sensible, teils zerstreute Quellenmaterial nach so vielen Jahrzehnten wieder zusammenzuführen und historisch einzuordnen?
Helmut Stampfer: Die Entdeckung der ersten beiden Kisten mit Bauaufnahmen vor bald 50 Jahren war aufregend. Wenig später ist es mir gelungen, die gesamten damals noch auffindbaren Unterlagen für das Denkmalamt zu bekommen. Die Bedeutung der Fotos, Zeichnungen, Pläne und Texte war mir sofort bewusst, daher die Entscheidung sie in Buchform zu veröffentlichen. Leider schreitet die Veröffentlichung in letzter Zeit nicht so zügig voran, wie ich mir wünsche.

Der neue Band widmet sich dem Tauferer Ahrntal, einer Region, die geografisch doch eher abgelegen ist und lange als archaisch galt. Welche architektonischen Besonderheiten oder gestalterischen Eigenheiten haben Sie bei den Ahrntaler Höfen entdeckt, die es so in anderen Tälern Südtirols nicht gibt?
Wohnbauten in Holzkonstruktion haben sich kaum erhalten, wohl aber Kornkästen, unter denen der vom Hof Pillegger in St. Peter, heute im Freigelände des Landesmuseums für Volkskunde in Dietenheim, eine Sonderstellung einnimmt. Aufgrund der Jahreszahl 1497 zählt er zu den ältesten inschriftlich datierten Blockbauten des Alpenraumes. Eine weitere Besonderheit stellen die Lawinenschutzbauten, die sogenannten “Sauköpfe” an der Bergseite von einigen Höfen in Prettau dar.

Ein historischer Bauernhof ist kein Museum, sondern der Lebensmittelpunkt einer modernen Bauernfamilie, die verständlicherweise zeitgemäß wohnen möchte. Wo verläuft für Sie die feine Linie zwischen dem notwendigen Erhalt der historischen Substanz und dem Recht der Bauern auf modernen Wohnkomfort?
Die Erhaltung wertvoller Bausubstanz wie Fassadenmalereien, Bundwerkgiebel, Gewölbe, Balkendecken, Stuben, steht nicht im Widerspruch zu modernem Wohnkomfort. Ich kenne weder ein Stadthaus noch einen Bauernhof, in dem nicht Platz für zeitgemäßes Wohnen vorhanden wäre. Moderne Einbauten in alten Räumen haben sogar ein besonderes Flair.

Sie betonen, dass mit jedem verlorenen Hof auch ein Stück kollektiver Identität verschwindet. Was kann die heutige, moderne Architektur und Raumplanung in Südtirol konkret von der pragmatischen, ressourcenschonenden Bauweise unserer Vorfahren lernen?
An erster Stelle den sparsamen Umgang mit dem Grund, der in den Bergen von Natur aus knapp ist. Man hat jahrhundertelang angebaut, umgebaut, manchmal auch abgebrochen und neugebaut, sich aber stets auf das Notwendige beschränkt. Im Zeitalter von Ferienwohnungen und Urlaub auf dem Bauernhof hat sich dies grundlegend geändert, zwei, ja sogar drei Wohnhäuser an einer Hofstelle sind keine Seltenheit.

Mit dem Erscheinen dieses zwölften Bandes haben Sie einen weiteren Meilenstein Ihres Lebenswerks gesetzt. Wenn Sie heute durch Südtirol fahren: Überwiegt bei Ihnen der Stolz über das dokumentierte und gerettete Erbe, oder der Wehmut über die Höfe, die Sie im Buch, aber nicht mehr in der Realität vorfinden?
Das Staunen über die damals unter widrigen Umständen und in kurzer Zeit geleistete Arbeit und die Wehmut über die Verluste an bäuerlicher Architektur seit damals halten sich die Waage. Mit Blick auf die Zukunft überwiegt aber die Freude, wenn ich sehe, dass heute viele junge Menschen, entschieden mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten, ihre Höfe mit Begeisterung sanieren, restaurieren und bewohnen.
SH