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Ein Leben für das Buch

Südtirol – Ein Leben lang setzte er sich für Bücher, Lesen und starke Schulbibliotheken ein – vielfach auch im Pustertal: Mit dem Ruhestand von Markus Fritz, ehemaliger
stellvertretender Amtsdirektor und Bereichsleiter für Schulbibliotheken, endet eine Ära, die das Südtiroler Bibliothekswesen nachhaltig geprägt hat.

Herr Markus Fritz, nach mehr als 27 Jahren im Landesdienst beim Amt für Bibliotheken und Lesen haben Sie den wohlverdienten Ruhestand angetreten. Wenn Sie auf Ihren ersten Arbeitstag zurückblicken: Was war damals im Südtiroler Bibliothekswesen völlig anders als heute?
Markus Fritz: Als ich im Februar 1999 im Bibliotheksamt angefangen habe, waren die ersten Arbeitstage gekennzeichnet von Protesten der Lehrer:innen, welche die Schulbibliotheken betreut haben: sie wurden nämlich beim ersten Landeskollektivertrag vergessen. Für die Bibliotheksarbeit waren keine Stunden vorgesehen. Der Einstieg war alles andere als einfach! Dieses Manko konnte in langwierigen Verhandlungen mit Gewerkschaften und Landesverwaltung beseitigt werden. Heute ist es in den allermeisten Schulen selbstverständlich, dass die Lehrpersonen, die mit der didaktischen Leitung einer Schulbibliothek betraut sind, genügend Stunden bekommen. In den nachfolgenden Jahren wurde ein Qualitätssicherungsverfahren (Audit) entwickelt, das einen großen Entwicklungsschub für die meisten Schulbibliotheken mit sich gebracht hat. Das Auditsystem hat sicherlich dazu beigetragen, dass Politik und Verwaltung genügend Ressourcen für die Schulbibliotheken zur Verfügung stellen. 1999 hat es 15 Stellen für hauptamtliches Schulbibliothekspersonal gegeben, heute sind es 47,5 Vollzeitstellen. Außerdem hat fast jede Schule eine eigene Schulbibliothek (oder ist mit einer Öffentlichen Bibliothek kombiniert). Südtirol hat ein kapillares Netz an Öffentlichen und Schulbibliotheken, um das man uns im In- und Ausland beneidet.

Sie haben als ehemaliger Lehrer für Deutsch und Geschichte die Bedürfnisse von Schulbibliotheken aus erster Hand gekannt. Welche Ihrer damaligen Visionen für die Leseförderung an Schulen konnten Sie in Ihrer Amtszeit erfolgreich umsetzen?
Vor 27 Jahren war es für Lehrpersonen und Schulbibliothekar:innen sicher einfacher, Leseförderung zu betreiben als heute. Damals war es vor allem wichtig, dass neben der Schullektüre auch schülergerechte Bücher in den Regalen aufgestellt wurden. Außerdem wurde in den letzten Jahrzehnten vermehrt auf die “Aufenthaltsqualität” der Bibliotheken geachtet: sie wurden zu angenehmen und einladenden Lese- und Lernorten umgestaltet.

Was war in all den Jahren die persönlich größte Herausforderung oder das komplexeste Projekt, das Sie als stellvertretender Amtsdirektor begleiten durften?
Neben der Digitalisierung und den Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz war es sicherlich die Absicherung der Schulbibliotheken auf politischer und Verwaltungsebene. Dazu gehört, dass (Schul)Bibliotheken gebaut bzw. umgebaut wurden und werden und dass jährlich genügend finanzielle und (Zeit)Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Dies ist in Zeiten knapper werdender Ressourcen keine Selbstverständlichkeit. Dazu braucht es Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, immer wieder bei den Verantwortlichen auf die Notwendigkeiten der Schulbibliotheken hinzuweisen. Durch das Auditsystem können wir nachweisen, dass die Schulbibliotheken nach anerkannten Qualitätsstandards arbeiten und dass die Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Immerhin wurden seit 2009 133 Audits in Schulbibliotheken durchgeführt.

Sie haben sich intensiv für die Professionalisierung der Schulbibliothekarinnen und -bibliothekare eingesetzt. Wie hat sich das Berufsbild und die Wertschätzung dieses Berufs in den letzten drei Jahrzehnten verändert?
Neben der Durchführung von unzähligen Fortbildungsveranstaltungen haben wir uns bemüht, die Rolle der Schulbibliothekar:innen in der Schule zu stärken. Dies ist auf Verwaltungsebene gelungen durch die Überarbeitung des Berufsbildes und des Schulbibliotheksgesetzes: die bibliothekarische Leitung einer Schulbibliothek obliegt nun dem hauptamtlichen Bibliothekspersonal. Außerdem wird festgehalten, dass Lehrpersonen und Bibliothekar:innen gemeinsam für Leseförderung und die Vermittlung der Informationskompetenz verantwortlich sind. Man kann sagen, dass die Arbeit der Schulbibliothekar:innen in den letzten Jahren weniger “bibliothekarisch” und mehr “didaktisch” geworden ist. Um es etwas plakativ zu formulieren: dem Schüler / der Schülerin ist es relativ egal, wie das Buch katalogisiert wird, wichtig ist, dass das Buch an den Mann / die Frau gebracht wird oder wie es Bettina Hurrelmann treffend formuliert hat: “Leseförderung bedeutet: Bücher in den Horizont der Schüler bringen.” Das ist eine der Hauptaufgaben von Schulbibliothekar:innen.

Das Pustertal hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Dynamik im Bibliothekswesen gezeigt – allen voran durch Leuchtturmprojekte wie die LibriKa oder das KIWi in Bruneck. Wie haben Sie diese Entwicklung aus Sicht des Amtes wahrgenommen und unterstützt?
Das Bibliotheksamt war und ist bei vielen Bibliotheksprojekten beratend tätig: von Bau und Einrichtung über Betriebsberatung, Personalführung bis zur didaktischen Nutzung von Bibliotheken. Es ist gelungen, im Pustertal und Ahrntal alle Oberschulen und fast alle Grundschul- und Schulsprengel mit hauptamtlichem Schulbibliothekspersonal zu versorgen. Das Pustertal sticht durch eine sehr lebendige und innovative Bibliothekslandschaft hervor. Hervorheben möchte ich die gute Zusammenarbeit mit dem früheren Direktor des SSP Welsberg, Josef Watschinger, mit dem wir 2013 eine Broschüre zum Thema “Innovative Schulbibliotheken” veröffentlicht haben.

Welche besonderen Herausforderungen und Chancen haben Sie bei der Bibliotheksversorgung im Pustertal beobachtet?
In vielen Gemeinden gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Öffentlichen Bibliothek und den Schulen. So bietet die Stadtbibliohek Bruneck regelmäßig Veranstaltungen und Aktionen für Schulen an. In kleinen Ortschaften wird die Öffentliche Bibliothek häufig als kombinierte Bibliothek geführt: sie ist oft im Schulgebäude untergebracht und verrichtet Dienste für die Öffentlichkeit und die Schule, gemäß der Maxime: jede Schule braucht eine Bibliothek! Das Bibliotheksamt befürwortet die Schaffung von kombinierten Bibliotheken in kleinen Ortschaften. Hervorheben möchte ich die Kooperationsmodelle zwischen Schulsprengeln und Öffentlichen Bibliotheken: der Schulbibliothekdienst Hochpustertal beispielsweise besteht aus dem Medientreff 3 (MS und WFO Innichen), der kombinierten Bibliothek Toblach, dem SSP Welsberg und dem SSP Olang. Schulen und Öffentliche Bibliotheken arbeiten eng zusammen.

Wenn Sie die heutige Bibliothekslandschaft im Pustertal mit jener von vor 25 Jahren vergleichen: Was hat sich für die Leser:innen im Tal am spürbarsten verbessert?
Neben dem Bau von neuen und innovativen Bibliotheken (LibriKa in Bruneck, KIWI in der WFO Bruneck, der GS und MS Welsberg, der kombinierten Bibliothek in Toblach, … um nur einige zu nennen) sticht vor allem das vielfältige Angebot, das sich an unterschiedliche Benutzergruppen richtet, hervor. Dies funktioniert nur, wenn Öffentliche Bibliotheken und Schulen und Schulbibliotheken gut zusammenarbeiten. Dies führt dazu, dass das Pustertal eine Bibliothekslandschaft hat, um die es viele beneiden. Am meisten jedoch profitieren die Nutzer:innen.
SH